Wo die Orangen duften

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Cecilia Bartoli leitet die Salzburger Pfingstfestspiele. (Foto: Kristian Schuller)

153 Opern soll es geben, die rund um die spanische Stadt Sevilla spielen. Das gäbe also Material auf Jahrzehnte her. Am 3. Juni 2022 wird der Barbier dort, wiewohl in engem Kontakt zu den Kunden, hoffentlich keine FFP2-Maske mehr tragen müssen.

»Es mag Zufall gewesen sein oder auch nicht, aber mein professionelles Debüt als Opernsängerin gab ich als Rosina in Il barbiere di Siviglia«, verrät Cecilia Bartoli. »Dieses herrliche Werk bildete den Grundstein meiner internationalen Karriere.« Mit einigen ihrer »absoluten Lieblingskollegen«, mit Gianluca Capuano als Dirigenten und Rolando Villazón als Regisseur, werde sie zu diesem Werk zurückkehren – »vielleicht zum letzten Mal«, so die Künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele.

Die Besetzung neben der Bartoli als Rosina: Edgardo Rocha (Il Conte d’Almaviva), Alessandro Corbelli (Bartolo), Nicola Alaimo (Figaro), Ildar Abdrazakov (Basilio) und José Coca Loza (Fiorello). Gianluca Capuano dirigiert das von Cecilia Bartoli gegründete Orchester Les Musiciens du Prince-Monaco und den Philharmonia Chor Wien.

Figaro als Mitautor

»Figaro wirkt wie ein Mitautor des Stückes, zumal er immer wieder aus der Handlung heraustritt, um sie distanziert zu kommentieren, sie als Theater im Theater erscheinen zu lassen«, so Cecilia Bartoli. Diese meta-theatralische Dimension werde Rolando Villazón in seiner Inszenierung erweitern – und damit der Komik und Poesie neue Möglichkeiten öffnen. »Es wird ein zusätzlicher Pro-tagonist eingeführt, verkörpert vom italienischen Verwandlungskünstler Arturo Brachetti, ein Tagträumer, der sich gerne in alte Filme flüchtet. Was aber, wenn die Filmfiguren plötzlich in die Wirklichkeit heraustreten, um sich in einer Oper wiederzufinden?« Villazon »hansdampft« ohnehin schon in allen Gassen, jetzt also auch durch die Salzburger Hofstallgasse. Mozartwochen-Guru ist er ja schon und Künstlerischer Leiter der Stiftung Mozarteum auch.

Weiteres aus der Stadt, die – wir zitieren Cecilia Bartoli – »ein einzigartiges Gemisch von stolzen, alten Kulturen vereint, die unglaublich vielseitige Musik hervorgebracht hat und die außerdem durch überwältigendes Licht, glühende Hitze und den berauschenden Duft nach Orangenblüten besticht«: Sevillas Wahrzeichen, La Torre del Oro, gibt einem Konzert den Namen, in dem Freunde des Originalklangs ebenso auf ihre Rechnung kommen wie jene Zuhörer, die auf pfiffige Tanzrhythmen aus sind. Der goldene Turm steht bis heute symbolisch für den kulturellen Austausch zwischen Spanien und Südamerika.

Musikalische Reise

Auf solche Fährten begeben sich Christina Pluhar (Theorbe) und ihr Ensemble L’Arpeggiata. Ausgangspunkt der musikalischen Reise ist die Musik von Alonso Mudarra. Der sevillanische Komponist (1508 bis 1580) zählt zu den bedeutenden spanischen Vihuelisten des 16. Jahrhunderts. Von seiner Werk-Sammlung ausgehend führt die musikalische Spur bis Südamerika und zu dem dort bis heute »lebendigen Barock« in der traditionellen Musikkultur. Wer Christine Pluhar und L'Arpeggiata im vorigen Festspielsommer im Haus für Mozart gehört hat, geht da mit gesteigerter Hörlust hin.

Die Tanzrhythmen hat man dann wohl noch im Ohr, wenn tags darauf die spanische Tänzerin und Choreografin María Pagés in der Felsenreitschule ein abendfüllendes Flamenco-Programm gestaltet. Das Motto: Oda a la flor del naranjo – Ode an die Orangenblüte. Wenn man's in Salzburg schon nicht in der Nase hat, dann wenigstens vor Augen und in den Ohren...Deutlich schaumgebremster, aber erwartungsgemäß wohl auch emotional geht es in der Kollegienkirche zu, wenn dort Jordi Savall mit La Capella Reial de Catalunya und Hespèrion XXI antritt. Auf den Pulten: Cristóbal de Morales' »Missa Mille regretz« und die »Missa de la batalla« von dessen Schüler Francisco Guerrero. Javier Perianes ist zu einer Klavier-Matinee eingeladen mit Musik von Enrique Granados, Manuel de Falla und Isaac Albéniz.

Wie viele Ecken mögen zwischen dem feudalen Anwesen des Commendatore und dem Haus des Dottor Bartolo gelegen sein? Wo hat Leporello zeternd auf Don Giovanni gewartet und musste dann Zeuge eines fatalen Duells werden? An welchem Balkon lehnte die Leiter, über die Rosina von Figaro und Almaviva aus dem Haus des Vormunds gerettet werden sollte? Und wo an der Stadtmauer war die Schenke des Lillas Pastia zu finden, in der die verführerische Carmen ihre Seguidilla tanzen wollte? Vielleicht kann man das Programm des abschließenden Galakonzerts »Carmencita & Friends« ja auch als Stadtführer lesen. Da werden Maria Agresta, Rebeca Olvera, Piotr Beczala, Plácido Domingo, John Osborn, Rolando Villazón, Ildar Abdrazakov und selbstverständlich auch Cecilia Bartoli singen.

Informationen zu den Pfingstfestspielen vom 3. bis 6. Juni gibt es auch online unter www.salzburgerfestspiele.at.

Reinhard Kriechbaum

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