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Wichtiges Begleitangebot zur Musik

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Dr. Dr. Michael Fischer hat gemeinsam mit Gerard Mortier die Festspiel-Dialoge begründet. (Repro: Aumiller)
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Zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele ist im Verlag Anton Pustet in dankbarer Erinnerung an den 2014 verstorbenen Universitätsprofessor Dr. Dr. Michael Fischer der Dokumentationsband »Festspiel-Dialoge« erschienen, herausgegeben von Ilse Fischer und Helga Rabl-Stadler.


1993 hatten Gerard Mortier und Michael Fischer die gemeinsame Idee zu den Festspiel-Dialogen, die zu »einem der wichtigsten Bausteine des neuen Salzburg« wurden, wie Mortier es ausdrückte. Die auf über 500 Seiten gesammelten Beiträge aus 21 Jahren »Festspiel-Dialoge«, dem zentralen Begleitangebot zum musikalischen Programm, erweisen sich als reiche Schatztruhe an intellektueller Auseinandersetzung mit kulturellen Werten, die sich auch kritischer Betrachtungen nicht verschließt.

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Der konkrete Bezug zu den jeweiligen Neuinszenierungen der Festspiele ist hier in einer Vielfalt an Hintergrundwissen über Musik, Literatur und Theater dokumentiert, das nichts an aktuellem Interesse eingebüßt hat. Die ausgewählten 39 Autorinnen und Autoren, darunter Schriftsteller, Publizisten, Kulturjournalisten, Germanisten, Diplomaten oder Historiker, zeigten sich als Koryphäen auf Gebieten der Kunst, Philosophie, Musik- und Kulturwissenschaft, Literatur, Soziologie und anderem mehr.

Michael Fischer sieht »Festspiele als Spiegel von Denkströmungen, Kunstentwicklungen, Gesellschaftstrends und durchaus auch Moden« und »die Rolle der Kunst als spirituelle Erlebnisvermittlerin«. In seinem Vortrag behandelte er unter anderem die Themen Bildungsfacetten der Kunst, Politisierung der Kultur, Kunst als politisches Instrument, Bildungsprodukt Europa oder Kunst als Kompensation zu Zwang, Gewalt, Mord und Terror. Wo man nichts ändern könne, wolle man stattdessen etwas tun. »Kunst leistet da einen merkwürdigen Ausgleich für den sich zunehmend verflüchtigenden Sinn dieser Welt und für die kollektive Einfallslosigkeit.«

Die Salzburger Festspiele verdanken ihre Existenz der 1917 geäußerten Überzeugung Max Reinhardts, »dass die Kunst , insbesondere die Kunst des Theaters, sich in den Stürmen dieses Krieges nicht nur behauptet, sondern ihr Bestehen und ihre Pflege geradezu als unumgängliche Notwendigkeit erwiesen hat. Es hat sich gezeigt, dass sie nicht nur ein Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen ist«, zitierte Helga Rabl-Stadler.

»Der Festspielidee lag zuerst einmal der Wunsch zugrunde, außergewöhnliche künstlerische Ereignisse höchsten Niveaus in engem Bezug zur Tradition des Landes, zum Genius Loci und zur besonderen Szenerie einer barocken Stadt zu kreieren. Da waren Gründerväter am Werk, die Ordnung in das Chaos des Ersten Weltkriegs und vor allem für die Nachkriegszeit schaffen wollten, die von der heilenden Kraft der Kunst überzeugt waren. Österreich sollte zu einem Leuchtturm der gesamtdeutschen Kultur werden«, referierte Rabl-Stadler.

Der Komponist Rolf Liebermann konstatierte: »Am Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs aus den Ruinen des deutschen Theaters das 'Musiktheater'. Die Oper war nicht mehr ausschließlich ein Ort der Fantasie, des Wunderbaren, der musikalischen Verzauberung, sondern eben auch Stätte der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und sozialen Problemen der Zeit. Die Opernhäuser sind nicht nur aus Stein und Geld gebaut, sondern leben vor allem vom guten Willen des Publikums, von der Leidenschaft und dem Enthusiasmus derer, die auf und hinter der Bühne stehen...Man muss diejenigen, die dafür verantwortlich sind, unterstützen, denn ohne sie bliebe der Vorhang geschlossen.«

Weitere Autoren sind unter anderem Aleida und Jan Assmann, Karl Heinz Bohrer, Massimo Cacciari, Antonia Eder, Nike Wagner, Peter Ruzicka, Konrad Paul Liessmann, Clemens Hellsberg; Daniel Binswanger setzte sich mit Hugo von Hofmannsthal auseinander, Barbara Frischmuth mit der »Frau im Spiegel der Kunst«, Wolf Lepenies mit »Europa-Der melancholische Kontinent«, Eric Hobsbawn mit »Kunst und Kultur am Ende des 20. Jahrhunderts« sowie eine Reihe weiterer bedeutender Beiträge. Der Band repräsentiert und dokumentiert insgesamt ein spannendes Stück Festspielgeschichte.

Elisabeth Aumiller

Festspiel-Dialoge, 544 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, Verlag Anton Pustet, ISBN 978-3-7025-0974-3

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