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Die Buddenbrooks-Geschwister Tony (Lisa Fertner, rechts), Christian (Maximilian Paier, links) und Thomas (Gregor Schulz) tragen schwer an der familiären Mitgift.

Vom Untergang freudloser Glückskinder

Es war einmal und wird immer sein, so lange es Menschen gibt: das kapitalistische Streben nach dem Mehr. Hast du was, bist du was. Aber bist du dann noch Mensch?

In einer Inszenierung von Alexandra Liedtke feierte das Schauspielensemble des Salzburger Landestheaters in John von Düffels Dramaversion von Thomas Manns Nobelroman »Buddenbrooks« die erste Premiere im neu sanierten Haus. Der »Verfall einer Familie« – eine Seelenschau in gutbürgerlichem deutschen Hause, deren Plot um leidvolles Scheitern interfamiliärer Verfehlungen sich ebensogut im Heute zutragen könnte.

»Firma first!« heißt es bei den Buddenbrooks: Firma ist Familie und Familie ist Firma. Wo Gewinnmaximierung oberstes Gebot ist, endet der Kuschelkurs. Kein Raum für persönliche Lebensentwürfe. Der übermächtige Vater (Christoph Wieschke), der alles zusammenhält – vor allem das dahinschmelzende Firmenvermögen –, und die so gar nicht herzlich zugewandte Frau Mama (Britta Bayer) an seiner Seite bemühen sich redlich, die unterschiedlich veranlagten Kinder Tony (Lisa Fertner), Christian (Maximilian Paier) und Thomas (Gregor Schulz) dem generationsübergreifenden Zwecke nach, zu (er)ziehen.

Der Schein sorgloser Familienharmonie mit Glückskindern trügt: Unterdrückte Anspannung und schwelende Konflikte sind offenbar. Doch man trägt die familiäre Mitgift »comme il faut« – mit Kontenance, putzt fleißig Familiensilber (welches längst seinen Glanz verloren hat) und nascht köstliches Obst (das bitter aufstößt). Ein großflächiges Holzständerkonstrukt (Bühne Philip Rubner) mit integrierten Schiebetüren umrahmt das Interieur eines Herrenhauses, bietet Projektionsfläche für Ein- oder Ausgeschlossensein, für emotionsgeladene Hin- und Abwendung.

Im Hintergrund, von Schilf gesäumt, schimmert in veränderlicher Lichteinstellung, der szenischen Stimmung entsprechend, atmosphärische Illustration. Drinnen wird versucht, das menschliche Kapital gewinnbringend anzulegen: »Ich werde niemals den Grünlich heiraten!«, müpft Tony auf. Sie fällt gleich zweimal rein. Erst mit dem vom Vater ausgewählten schmierigen Kaufmann Grünlich (Martin Trippensee), später mit Hopfenhändler Permaneder (Axel Meinhardt). Dafür verzichtet sie, pflichtbewusst, auf die (unrentable, aber echte) Liebe zu Morten und bringt trotzdem Schande über die Familie.

Noch schwieriger ist es mit dem ewig hypochondrierenden Christian, der mehr künstlerisch ausschweifende als kaufmännische Ambitionen hegt. An ihm beißt sich, stellvertretend für den plötzlich verstorbenen Vater, Hoffnungsträger Thomas die Zähne aus. Thomas wird zum Despoten, der mit seiner unglücklichen Frau Gerda (Elisabeth Mackner) blindwütig und gefühlskalt das sinkende Familienschiff in den unaufhaltbaren Bankrott steuert, während Söhnchen Hanno (Alexander Kölblinger) blass und freudlos zurückbleibt.

Einen Riesenapplaus gab es – nebst glanzvollem Sanierungserfolg – für eine rundherum überzeugende Leistung mit spürbar subtiler Arbeit an den einzelnen Charakteren, sodass die »Buddenbrooks«, wenn auch nicht in der Geschichte, so doch im theatral gelungenen Spiel, musikalisch mit Karsten Riedels Musik wirkstark akzentuiert, einen echten Aufschwung erlebten. Inszenierungs-i-Tüpferl sind die von Aaron Röll in sinnlich-lyrischer Darstellung gespielten, wahren (aber nicht gelebten) Lieben: Berührende Momente lassen erahnen, wie erfüllend es hätte sein können. Thomas‘ familiär nicht kompatible Anna und Tonys Medizinstudent Morten fielen bei Mann der Firma zum Opfer.

Infos zu Karten und gibt es unter 0043/662/8715 12-222 oder per E-Mail unter service@salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam

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