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Vom Rückgrat der Gesellschaft und der Kraft des Zusammenhalts

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Das Ensemble des Salzburger Landestheaters zeigt Größe im Lockdown und streamt sich zum Publikum: Larissa Enzi, Nikola Jaritz-Rudle, Skye MacDonald, Maximilian Paier und Heinz Schaden in »#Ersthelfer #FirstAid«. (Foto: Anna-Maria Löffelberger/Landestheater)

Im Herbst 2015 ist Salzburg zu einem Kristallisationspunkt der europäischen Fluchtbewegung geworden. Angela Merkels historischem Satz »Wir schaffen das«, wurde seitens der AFD »Wir wollen das gar nicht schaffen« entgegengesetzt.

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Die österreichische Regierung wandelte (im folgenden Handeln) den Satz wiederum in »Die schaffen das« um, während man an der Grenze, peu à peu, den Flüchtlingsstrom nach Deutschland eskortierte. Die Salzburger Bürger aber bewiesen an allererster Front ein enormes Maß an Humanität, Solidarität und zupackender Hilfsbereitschaft: Die schafften das. Sie wurden zu sogenannten »Gutmenschen«, formten den Begriff »Willkommenskultur« und taten sich als Rückgrat der Gesellschaft hervor, weil sie halfen, wo erste Hilfe notwendig war. Beide Begrifflichkeiten mutierten später zu Schimpfwörtern.

Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis, Sohn armenisch-jüdischer Eltern, die aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, hat diese »Phänomenologie der Nächstenliebe« zum Ausgangspunkt einer theatralen Recherche gemacht und sie zu einem dokumentarischen Theaterstück verarbeitet: »#Ersthelfer #FirstAid« feierte nun am Salzburger Landestheater – Corona geschuldet – digitale Online-Uraufführung.

Keine Parkplatzsuche, keine freundliche Begrüßung am Ticketschalter im Foyer des Landestheaters, kein Sekt, keine Werkeinführung, keine Bühne, kein Vorhang, kein Gemurmel des Publikums in aufregenden Bühnenmomenten, kein Lampenfieber und auch kein tosender Schlussapplaus.

Zum Ursprung zurück?

Eine ungewohnte Theatererfahrung, ziemlich unspektakulär, zuhause im Wohnzimmer, mit dem Blick auf einen Bildschirm gerichtet. Kommt das Publikum nicht ins Theater, kommt eben das Theater zum Publikum. Kann Theater sowas? Schaffen die das? Und vor allem, könnte so ein Format dem Theater endlich zu mehr Relevanz verhelfen, es vielleicht sogar wieder näher an seinen Ursprung in der Antike zurückführen – damals, als Theater noch politisch war?

Fragen und Aspekte, die das Stück selbst aufwirft und in seiner dichten und packenden Inszenierung selbst zu beantworten weiß. Ein echtes Aha-Erlebnis: Mit reüssierter Theaterkunst um eine kontrovers diskutierte politische Herkulesaufgabe gelingt das Ein- und Aufmischen in der (immer noch) polarisierenden Flüchtlingspolitik Europas, die im Moment wegen Corona ebenso im Meer zu versinken droht wie all die unbekannten Gesichter der vor Verfolgung und Terror flüchtenden Menschen.

Aufmischen heißt einmischen, damals wie heute. Am besten so, dass man nachhaltig viele Menschen auf mehreren Kanälen erreicht, auch oder gerade um zu politischen Dingen Stellung zu beziehen. Zu Menschen durchdringen, sich ein Sprachrohr, ein Medium auftun und Atmosphäre schaffen, die Emotion erzeugt: Das ist Aufgabe und erklärter Auftrag der Kunst, so auch die Botschaft aus dem Stück, das in diesem Format trotz Corona-Lockdown seine Zuschauer voll und ganz erreicht und zugleich mit der österreichischen Politik hart ins Gericht zieht.

Ex-Bürgermeister Schaden im Ensemble

Das Ensemble – Larissa Enzi, Nikola Jaritz-Rudle, Skye MacDonald, Maximilian Paier und der ehemalige Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden machen es möglich. Heinz Schaden gibt als »Experte des Alltags« mit eigenen Reflexionen über diese Zeit ein überzeugendes Theater-Debüt. In drei Akten werden die Geschichten jener Menschen, die damals geholfen haben, zur Grundlage des dokumentarischen Theaterprojekts. Der Text entstand aus Konflikten und Dialogen aus dem gemeinsamen Probenprozess und wurde aus vielen grandios aufgearbeiteten Interviews (mit Ersthelfern und Zeugen) in das gestreamte Bühnenwerk transformiert.

Blindwütige Abrechnung eines jeden einzelnen mit sich selbst und mit dieser Tragödie, die ja bis dato anhält: »Wo war ich, als die Welt zerbrach?«. Selbstvorwürfe, Anklagen, verzweifelte Wut und immer neue Fragestellungen angesichts frappierender politischer Missstände. »Der ganze Staat ist ausgefallen, die Stadt wurde schlicht nicht informiert. Eingesprungen waren Stadt und Land.«, erinnert sich Schaden, als, wie aus dem Nichts, etwa 1400 Menschen auf dem Salzburger Hauptbahnhof eintrafen. Schaden erließ eine sofortige Notverordnung, mit der außerbudgetäre Geldmittel für Lebensmittel, medizinische Versorgung, Decken und Feldbetten zur Verfügung standen. Von überallher strömten Menschen herbei: Ersthelfer. »Nicht zeigen, was schiefgelaufen ist, sondern vielmehr aufzeigen, was aus einer Tragödie an Gutem entstehen kann«, war einer der Leitsätze Calis.

Ist Mensch nicht gleich Mensch?

Trotzdem verkommt die Narrative über diese positive Welle an Hilfsbereitschaft schnell zur »Naturkatastrophe, gegen die man sich schützen muss«. Menschen zu helfen wird zur negativen Sache, man wird zum Schlepper und macht sich strafbar. »Ist Mensch nicht gleich Mensch? Es geht um uns, als europäische Gesellschaft, deren Grundwerte mit Füßen getreten werden.«. »Da müssen doch wir nicht die richtigen Antworten finden, wir müssen die richtigen Fragen stellen!«, so der wütende Tenor. Wahrheiten, die wehtun.

Schaltung nach Moria

Im dritten Akt wird im Austausch mit NGO-Mitgliedern auf Lesbos die aktuelle Situation von Helfenden und Geflüchteten beleuchtet und somit der Bogen von 2015 zu 2020 gespannt. Per Liveschaltung wird der Kontakt nach Moria hergestellt, wo Sophie Stattegger (Heinz Schadens Nichte) als Mitglied einer NGO (Non Governmental Organisation) im Flüchtlingscamp arbeitet. Nach zwei Stunden Hochspannung und Theaterkunst »at it’s best« ist man als Zuschauer geneigt, zurück auf »Start« zu gehen, damit einem von diesem beeindruckenden gestreamten Bühnenwerk auch wirklich nichts entgeht.

»How I wish you were here« von Pink Floyd wird als eines der letzten Bilder im Stück zur abschließenden Hymne gefeiert: Im Bühnenbild schneit es. »So you think you can tell, Heaven from hell?«. Höllischem Versagen der Obrigkeit wird der himmlische Sieg über Ignoranz entgegengestellt. Dann wünscht Schaden, völlig unaufgeregt, dass sich die Gesellschaft diesen Glaubenssatz zurückerobert, um nicht diesen zersetzenden rechten Kräften Raum zu geben: »Wir können das schaffen«, so Schaden. Oder, um es in Obamas Sprache auszudrücken: »Yes we can!«. Unbedingt anschauen. Nähere Infos, auch zum Stream, gibt es unter www.salzburger-landestheater.at.

Kirsten Benekam

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