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Max Frischs Verhaltensforscher Kürmann (Christoph Wieschke) probt im Selbstversuch mit Ehefrau Antoinette (Tina Eberhardt) den Eingriff ins eigene Schicksalsrad. (Foto: Tobias Witzgall/Landestheater)

Viel Applaus für »Sie haben die Wahl«

Das Team des Salzburger Landestheaters wandelt, den immer noch währenden Sanierungsmaßnahmen seiner Spielstätte geschuldet, auf andere »Bühnen«.

Ungewohnte Aussichten in sich verändernden Zeiten verändern Perspektiven, bieten neue Möglichkeiten oder zeigen Grenzen auf. Wie im richtigen Leben, woraus sich bekanntlich die Theaterkunst speist. Nach »Carmen« im Zirkuszelt oder »Shakespeare im Pool« im Paracelsus Bad feierte nun ein fünfköpfiges Ensemble in der Inszenierung von Marco Dott im »Oval – Die Bühne im Europapark« Premiere: »Biografie: Ein Spiel« von Max Frisch.

Frisch selbst hatte mit seinem 1967 verfassten Werk kein leichtes Spiel. Der Optimierungsversuch, seine Neufassung 1984, machte es nicht besser. »Ich habe es als Komödie gemeint.«, resümierte er, weil sich beim Publikum nicht die gewünschte »Wirkung« einstellte. Im Werk »gespielt«, oder besser gesagt »durchgespielt«, wird die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Menschen, seine Identität zu verändern. Als »Fehltritte« erkannte Schlüsselerlebnisse sollen in entsprechenden Lebensmomenten durch andere Handlungen oder Verhalten ersetzt werden, um somit den Schicksalslauf zu verändern.

Mit dem Wissen von heute seine Vergangenheit verändern: »Was wäre, wenn?« und »Was wäre, wenn nicht?« So schickt Max Frisch als »Spiel im Spiel« seinen Protagonisten, den Verhaltensforscher Kürmann (Christoph Wieschke), in einen gewagten Selbstversuch, gewährt ihm die Chance, seine Biografie nachträglich zu »korrigieren«. Kürmann wünscht sich »eine Biografie ohne seine Frau Antoinette« (Tina Eberhardt). Wie wäre sein Leben ohne Antoinette verlaufen? Kann er sein Leben rückblickend optimieren?

Die Zuschauer im Oval hatten das Gefühl, einer Theaterprobe beizuwohnen: Ein »Regisseur« (Spielleiter Gregor Schulz) mit Assistentin (Elisabeth Mackner) und Assistent (Martin Trippensee) »feilt« an der »Inszenierung«, hinterfragt detailliert Kürmanns Handlungen und Verhalten und die Möglichkeit, sie zu variieren. Prinzipien von Ursache und Wirkung werden analysiert, es wird gespiegelt, der »Spielverlauf« jäh unterbrochen, verändert, wieder aufgenommen und teils emotionsgeladen diskutiert.

Aber irgendwie führt, trotz wohl überlegter »Eingriffe« in die Vergangenheit, am Ende doch, wenn auch über »Umwege«, wieder alles ins selbe Dilemma. Ob diese »Umwege« letztlich doch nur »Schattierungen« derselben Grundfarbe sind? Die sparsame und wandelbare Bühnenausstattung (Matthias Kronfuss) lässt den Fokus aufs Wesentliche zu: Zentral ein Tisch, zwei Stühle oder ein Sofa als »Spielfeld« – less is more. Überhaupt nicht sparsam in allen Emotionslagen geführt, agiert das Ensemble in brillanter Schauspielkunst. Man erlebt eine grandiose Figurenführung, temporeiches Spiel in allen »Variationen«, dicht und zielsicher übers (Spiel)Feld geführt, und am Ende ein geflashtes Publikum, das zum Nachdenken angeregt wird.

Beim Anblick einer Spieluhr »metapherte« Antoinette eingangs im Stück: »Figuren, die immer die gleichen Gesten machen, sobald es klimpert, und immer ist es dieselbe Walze, trotzdem ist man gespannt, jedes Mal.«. Ob diese »Figuren« ihrer Walze entkommen können, also zu anderen »Gesten« fähig wären, selbstbestimmt und frei? »Sie haben die Wahl«, meint der Spielleiter zu Kürmann. Ob wir uns »verhaltenshäuten« könnten, wenn wir unser Leben zurückdrehen könnten?

Ein wirklich lohnenswertes theatrales »Gedankenspiel«, dessen Ausgang man sich bis zum 30. Dezember ansehen kann – ab 6. Dezember in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters. Karten und Termine per E-Mail unter service@salzburger-landestheater.at oder Telefon 0043/662/871512-222.

Kirsten Benekam

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