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Verletzliche Spuren des Menschseins

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Der Bildhauer Andreas Kuhnlein mit der neu entstandenen Figurengruppe »Die Krone der Schöpfung oder die Rache der Tiere«. Sie ist in der aktuellen Ausstellung im Holztechni-schen Museum in Rosenheim zu sehen. (Foto: Effner)

Tiefe Furchen, Zacken und Durchbrüche kennzeichnen die markanten Holzskulpturen des Bildhauers Andreas Kuhnlein aus Unterwössen.


Seine inzwischen international gefragten »Zerklüfteten« künden von der Brutalität und zugleich Verletzlichkeit des Menschen. Als Sinnbilder, die der Künstler mitunter kraftvoll wie ein Berserker und dann wieder sensibel mit der Motorsäge bearbeitet, veranschaulichen sie auf eindringliche Weise Charakter und Wesen der Spezies Mensch: Macht, Unterdrückung, Selbstsucht und Orientierungslosigkeit, aber auch Obhut, Befreiung und Verantwortung gewinnen so Gestalt. Im Holztechnischen Museum in Rosenheim zeigt der 67-Jährige bis zum 13. Februar eine kleine Auswahl aus seinem Werk. Im Rahmen der Ausstellung »Spuren des Menschseins« ist neben älteren Werken auch die ganz aktuelle, neunteilige Arbeit »Krönung der Schöpfung oder die Rache der Tiere« zu sehen.

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Immer wieder hat Kuhnlein als kritischer Zeitgeist in den vergangenen Jahren den Umgang des Menschen mit seinen Mitgeschöpfen aus der Tierwelt thematisiert. In »Grenzen des Wachstums« von 2016 zeigte er eine nur auf den Hinterleib reduzierte Kuh mit völlig überdimensioniertem Euter. Im 133-teiligen »Narrenschiff« von 2010 ließ er ein Kind einem eingesperrten Gorilla Gesellschaft leisten.

In Form eines kompletten Perspektivwechsels steigert Kuhnlein in seiner aktuellen Figurengruppe die Vehemenz der Kritik noch einmal. Die »Kröne der Schöpfung« liegt im gläsernen Sarg. Acht Tiere, darunter Schwein, Kuh, Gockel, Elefant, Affe und Schlange, umringen in Zylinder und schwarzer Garderobe in Andachtshaltung das Grab. »Die Ausrichtung der Lebensmittelerzeugung nurmehr nach kommerziellen Gesichtspunkten oder die Ausbeutung von Wildtieren führt unweigerlich in den Untergang«, ist Kuhnlein überzeugt. Bis 1996 war er selbst als Landwirt tätig.

»Unser Umgang mit den Mitgeschöpfen und dem Prinzip Leben zeigt, wie wir uns selbst immer mehr Gewalt antun.« Der Mensch, ein in vielen Facetten gebrochener »Held«, wie die Skulptur von 2017 belegt. Der aber auch, trotz schwerer Traumatisierung als Soldat im Krieg, in Extremsituationen spontane Impulse der Mitmenschlichkeit und des Trostes gegenüber einem verängstigten Kind erkennen lässt. Etwa durch das Überreichen einer aus Stofffetzen gebundenen »Puppe«, die eine bewegende Arbeit von 2015 zeigt. Wie der Künstler erzählt, hat ihn ein Foto aus dem Afghanistan-Krieg zu dieser Arbeit inspiriert.

Faszinierende Vergleiche der »Spuren des Menschseins« mit der Natur stellt der Unterwössener im »Gespeicherten Leben« (2016) an. Den »Lebensspuren« in den Büsten von drei Frauen in jungen, mittleren und reifen Jahren stellt er drei Baumscheiben mit faszinierender Geschichte gegenüber: eine 40 Jahre alte Weide vom Ufer der Tiroler Ache, eine etwa 140 Jahre alte Mooreiche aus dem Fund einer römischen Befestigungsanlage in Seebruck sowie eine 480 Jahre alte Eibe aus einem Gletscherfeld. »Ich finde es faszinierend, welche Geschichten die Jahresringe im Baum oder die Falten im Gesicht eines Menschen erzählen«, sagt Kuhnlein.

Vor genau 20 Jahren hat der Bildhauer bereits einmal im Holztechnischen Museum in Rosenheim ausgestellt. Damals thematisierten dort – ganz am Anfang seiner internationalen Karriere – seine »Tischbildnisse« Formen der menschlichen Kommunikation und des Umgangs miteinander. Faszinierend an der gegenwärtigen Ausstellung ist die Einbeziehung der Kulturgeschichte des Holzes und seines vielfältigen Nutzens für den Menschen. Somit lassen auch die unterschiedlichen Räume des Museums »Spuren des Menschseins« erkennen, die eine vergleichende Erkundung lohnen.

Die Ausstellung ist geöffnet während der Betriebszeiten des Museums dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie jeden 2. und 4. Sonntag im Monat von 13 bis 17 Uhr. Axel Effner

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