Sprühende Vitalität und mystische Tiefe

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Daniela und Florian Beer, Romana Rauscher und Simon Nagl, das »Salzburger Streichquartett«, ließen mystische musikalische Welten in St. Georg aufleben. (Foto: Mergenthal)

Ein Aufatmen ging durch das Kirchenschiff der Pfarrkirche St. Georg in Ruhpolding, die Musik-Sehnsucht war beim von der Kulturinitiative Ruhpolding organisierten Konzert der Reihe »Musiksommer zwischen Inn und Salzach« spürbar.

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Eigentlich sei es in einem kleineren Kirchlein, in St. Valentin, geplant gewesen, verriet der Ruhpoldinger Cellist Simon Nagl. Dass auch in der großen Kirche ein kleines Ensemble perfekt zur Geltung kommt, bewies das »Salzburger Streichquartett«. Das Programm der Klassik-Soirée war breit gefächert – von Mozarts Leichtigkeit des Südens über Schuberts Innigkeit bis hin zum romantischen Farbenreichtum des russischen Komponisten Alexander Borodin. Mit Daniela Beer an der ersten Violine, Florian Beer an der zweiten Violine und Romana Rauscher an der Viola hatte Simon Nagl bei bester Akustik ebenbürtige und großartige musikalische Partner.

Sein Streichquartett Nr. 4 in leuchtendem C-Dur, das dritte »Mailänder Quartett«, schrieb Mozart mit 17 Jahren. Die Unbeschwertheit der Jugend und des italienischen Flairs prägen das Allegro. Meditative Transparenz und ein unendliches, ruhiges Dahinfließen, das an den berühmten Pachelbel-Kanon erinnerte, verliehen die Musiker dem ausdrucksstarken Andante. Ein Presto voller Leidenschaft und Brillanz mit flott aufgesetztem Bogen krönte das dreisätzige Werk.

Auch Franz Schuberts Streichquartett Es-Dur ist ein Jugendwerk, in das die Musiker viel Wärme legten. Bemerkenswert war das Scherzo mit seinem peppigen auftaktigen Motiv, mystischen Elementen, sprühender Vitalität, vor allem der Geigerin, und reizvollen Bordun-Quinten im Cello. Das sangliche, andächtige Adagio betörte mit seinem weichen Schwingen, den duftig hingesetzten Pizzikati, dem sanften Bogenstrich und wundervoller Synchronizität. Der Schluss war wie ein Verklingen in ein Nirwana hinein. Über die Schubertschen »himmlischen Längen« hinweg hielt das Quartett beim letzten Satz »Allegro« den Spannungsbogen aufrecht und steigerte zum fetzigen, irgendwie überraschenden Schluss hin noch einmal die Intensität.

Nach einer kurzen Stimmpause entführte das Streichquartett Nr. 2 in D-Dur von Alexander Borodin (1833 bis 1887) das Publikum ein weiteres Mal in eine komplett andere Welt. Die Musik des komponierenden Chemieprofessors aus Petersburg ist eine echte Offenbarung und weist, gespickt mit russischer Melodik, in seiner Farbigkeit auch schon auf Spätromantik und Impressionismus hin. Wundervoll musizierte das Ensemble die sich überlagernden, überlappenden Melodiebögen aus. So übernahm Daniela Beer von Simon Nagl im »Allegro moderato« die romantische Kantilene, und erste Geige und Cello kosteten das Zwiegespräch voller Imitationen aus. In sich gekehrt und mystisch endete der Kopfsatz. Das originelle Scherzo in sehr freier Form erinnerte mit seinen flirrenden Effekten an ein unscharf gemaltes Bild. Verspielte Elemente und luftige Pizzicati führten zu einem Ausklang im Nichts, wie in die Luft gepustete, lautlos zerplatzende Seifenblasen.

Das beliebte Notturno mit seinem Füllhorn sanglicher Cello- und Geigenmelodien zelebrierten Simon Nagl und Daniela Beer voller Hingabe. Alle vier Musiker woben einen weichen Klangteppich, über dem sich eine süße Weise der ersten Violine in überirdisch hoher Lage und das Temperament und die Kraft der ersten Geigerin herrlich entfalten konnten. Die Zeit schien in dem geheimnisvollen Dahinfließen der Musik ins Unendliche gedehnt zu werden. Im Finale begeisterte das fugenartige Geflecht, das sich aus einem Pizzikato-Thema des Cello entspann.

Nach der gewaltigen Schluss-Geste applaudierte das entsprechend der Auflagen mit Abständen sitzende Publikum so begeistert, dass man meinte, die Ruhpoldinger Kirche sei gerammelt voll. Mit einer Zugabe, dem bekannten »Arioso« von Johann Sebastian Bach, im Original aus dem Konzert für Cembalo BWV 1056, bedankte sich das »Salzburger Streichquartett« für diese Reverenz.

Veronika Mergenthal

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