Spissi spassi Casperladi

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Frech, ein wenig polternd und in gepflegter bayerischer Mundart servierte Schauspieler Klaus Wittmann die Abenteuer vom Kasperlgrafen in Kloster Seeon. (Foto: Benekam)

Man wusste nicht recht, ob es eine echte Panne war oder Absicht: »Der Vorhang klemmt« hieß es vor Beginn der musikalischen Lesung zum Kultur-Wiederbeginn in Kloster Seeon, und der Kasperl sei noch nicht im passenden Gewand.

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Naja, ein halbes Jahr wäre eigentlich Zeit genug gewesen, ins Bühnengewand zu hüpfen und g‘schickt zu sein für den großen Auftritt. Auch das Publikum wurde unruhig. Ob er etwa positiv getestet wurde, also coronal indisponiert war? Bloß nicht. Fast hätte sich der Pianist Florian Bille zu einer noch anstehenden Hochzeit aufgemacht, aber dann kam er doch daher, der Kasperl Larifari.

Endlich war er bereit, wollte seine Gäste wohl nur noch ein wenig schmoren lassen. Tja, der Kasperl Larifari eben – unverbesserlich. Erleichtert darüber waren die Zuschauer, die offenbar der Lesung »Die irrwitzigen Abenteuer des berühmten Kasperl Larifari« aus der Feder von Franz von Pocci entgegenfieberten und zum bereits fünften Mal den Schauspieler auf die Bühne geklatscht hatten. Aber dann war kein Halten mehr. Wittmann war ganz Kasperl, vom ersten Moment an: Frech, ein wenig polternd, in gepflegter bayerischer Mundart seine verqueren Wortschöpfungen und -verdrehungen unters Volk parlierend. Nur zu gerne hätte man die eine oder andere feinsinnig-kunstvolle Illustration Poccis zu den gelesenen Texten gesehen. Die aber hingen noch in den Ausstellungsräumen des Kloster Seeon und sehnten sich wohl ebenso sehr nach ankennender Bewunderung wie der Kasperl selbst.

Die Ausstellung »Franz von Pocci und der Humor« konnte zwar, kurz vor dem zweiten Lockdown, noch eröffnet werden, musste dann aber wieder der Öffentlichkeit verschlossen werden. Mit dem eigentlichen letzten Ausstellungstag durfte, der fallenden Inzidenz geschuldet, wiedereröffnet werden. Unter dem Link www.kloster-seeon.de/rueckblickvisionen-1 konnten (und können) Interessierte einen virtuellen Rundgang antreten – immerhin.

Franz Graf von Pocci (1807 bis 1876) gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten der bayerischen Geschichte. Und er war mit unzähligen Talenten gesegnet: »Er war Zeichner, Satiriker, Landschaftsmaler, Komponist, Dichter, Theaterautor, Mitbegründer einer Münchner Herrengesellschaft, zarter Spötter, hyperaktiver Kreativer und Dilettant voller Selbstzweifel. Sein bekanntestes Werk sind die über 40 Puppenkomödien rund um den Kasperl Larifari.«, so steht es auf der Seite zur Ausstellung geschrieben.

Wittmann las den vom ersten Bühnenmoment an amüsierten und aufmerksam lauschenden Zuschauern aus mehreren abenteuerlichen Geschichten von Kasperl Larifari vor. Da wurde gekichert, gelacht, geschmunzelt und immer wieder gestaunt über die ausufernde Fantasie Poccis. Wittmann bewältigte die von BR-Sprecher, Schauspieler und Autor Wolf Euba († 2013) bearbeiteten Kasperl Larifari-Abenteuer mit Bravour, las eine geschlagene Stunde und gestaltete den Text profihaft aus. Kongenial begleitete Florian Bille am Flügel, parierte mal in Noten, dann wieder in frecher Widerrede, in immer passendem Ton und wunderbar nah am Text. In dem Stück »Kasperl bei den Menschenfressern«, aus dem Wittmann unter anderen las, singen die Kannibalen: »Spissi spassi Casperladi – Hicki hacki Carbonadi«. Und irgendwie war es genauso: »Spissi spassi« nach über sechs Monaten Lockdown hatten alle Kulturhungrigen. Und mit »Hicki hacki Carbonadi« möcht‘ man am liebsten dem spaßbremsenden Coronavirus den Garaus machen.

Kirsten Benekam

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