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Schuld - ungeliebter Zwilling der Verantwortung

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Sophie von Bechtolsheim ist eine Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler hingerichtet wurde.

Ein kleines Zeichen der hoffnungsvollen Gemeinsamkeit in diesen kulturarmen Zeiten sind die Lesungen des heuer zum zweiten Mal stattfindenden Chiemgauer Literaturfests Leseglück.

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Das Motto »Grenzenlos Literatur« passt zu Corona-Zeiten wie die Faust aufs Aug'. Im digitalen Format kann ein jeder, garantiert Corona-konform, an Lesungen teilhaben und sich da-rüber hinaus sogar persönlich per Chat in Gesprächsrunden zur Thematik einbringen. Immerhin. Das Angebot digitaler Veranstaltungen, mit einem zwar abgespeckten, aber dennoch abwechslungsreichen Programm, ist über leseglueck-grenzenlos.de abrufbar und buchbar.

Mythos Stauffenberg

Lese- oder richtig ausgedrückt »Zuhörglück« empfanden auch jene, die sich für die Lesung von Sophie von Bechtolsheim, »Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter«, zur Live-Online-Lesung angemeldet hatten. Veranstalter war die Schule Schloss Stein, die auch mit rund 50 Schülern der 9. bis 12. Klassen die Lesung verfolgten. Die Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin ist Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sowie stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung 20. Juli 1944. Sie lebt und arbeitet als Mediatorin am Staffelsee und setzt sich für den Täter-Opfer-Ausgleich ein. Das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 ist eines der wichtigsten Daten der jüngeren deutschen Geschichte.

Von Stauffenberg selbst und sein gescheiterter Versuch, den nationalsozialistischen Wahnsinn zu stoppen, sind inzwischen zu einem Mythos geworden. Wenn auch Sophie von Bechtolsheim ihren Großvater nie kennenlernen durfte, so trägt die heute 52-Jährige als seine Enkelin doch ein gewaltiges Erbe. In ihrem Buch »Mein Großvater war kein Attentäter« (Herder Verlag), aus dem sie online vorlas, möchte sie dazu einladen, den Menschen Stauffenberg hinter dem Mythos zu entdecken.

Grundlage ihrer familiären Recherche und tiefen Auseinandersetzung waren Gespräche mit ihrer Großmutter Nina, die 2006 verstorben ist. Schon der Titel des Buchs – eine Aussage, ein Statement, wirft Fragen auf, welche die Autorin auf gut verständliche Weise zu beantworten im Stande ist. »Warum hat er das eigentlich getan?«, fragten am 21. Juli 1944 die Kinder, als sie in einem Augenblick gleich drei tief bewegende Informationen erhielten: Der Vater ist tot, er hatte versucht, den Führer zu ermorden, und sie würden bald ein neues Geschwisterchen bekommen. Die Antwort der Mutter: »Er hat wohl gemeint, er müsse es für Deutschland tun«.

Postkarte an Elfjährige

Die Folgen, nicht nur für die Familie Stauffenberg, sondern für alle, die sich damals im Widerstand gegen das NS-Regime verbündet hatten und an Planung und Durchführung des gescheiterten Attentats zusammengewirkt hatten, waren entsetzlich. Hinrichtungen, Folter, Ausgrenzung, Haft, Mütter, denen nicht nur ihre Männer genommen, sondern auch noch die Kinder entrissen wurden. Ausgerechnet eine (anonyme) Postkarte machte Sophie von Bechtolsheim als 11-Jähriger bewusst, dass der Großvater eine öffentliche Person war: Die RAF-Terroristen seien »die wahren Erben des Großvaters«.

Das war wohl der Anfang ihrer Auseinandersetzung mit dem tragischen familiären Erbe. Die Aussage dieser Postkarte ließe sich, ihrer heutigen Ansicht nach, ganz gegensätzlich deuten: Empörung über Stauffenberg, den Terroristen, also ein rechtsextremer Hintergrund. Oder, aus linksextremer Sicht, das Feiern der Gewalttat, die von Hitler befreien sollte. »Gibt es einen Unterschied? Ist nicht beides Gewalt, beides Widerstand gegen ein Deutschland, in dem man so nicht leben wollte? Wann ist Widerstand gut und wann schlecht?«. Fesselnd waren auch Auszüge, in denen der Zuhörer einen Eindruck von der Ehefrau Stauffenbergs vermittelt bekam. Als »Meisterin der Krise« erfuhr man, wie sie es schaffte, Strategien in der Zeit ihrer Isolationshaft zu entwickeln: »Den Tag zu strukturieren war eine verzweifelte, aber erfolgreiche Maßnahme, um nicht an Grübeleien zu zerbrechen oder nach Verhören irre zu werden.«. Aus leeren Zigarettenschachteln fertigte sie selbst gebastelte Patiencekarten, machte Gymnastik oder Handarbeiten, immer das Ziel vor Augen, die Haft zu überleben, zu den Kindern zurückzukehren und ihr ungeborenes Kind zu schützen.

Kraft der Standesgnade

Dabei half ihr, wie sie der Enkelin erklärte, »Standesgnade«: Eine Kraft, die einem zuwächst, von der man nicht weiß, dass man sie hat. Auf die Frage, ob sie es ihrem Mann je verübelt hatte, sie in Gefahr gebracht zu haben, gab sie zur Antwort, dass die Gefahren des Krieges allgegenwärtig waren. »Wenn schon sterben müssen, dann doch wenigstens für etwas Gutes.«, trug sie ganz bewusst die Entscheidung ihres Mannes mit. »Für was genau waren die Verschwörer gestorben?«, war eine weitere Frage, der im Buch nachgegangen wird: »Die Verschwörer fühlten sich verantwortlich für das, was seit 1933 geschehen war. Sie rückten zentrale Fragen des Menschseins ins Licht: Wer möchte ich sein, wofür bin ich verantwortlich, was erwarte ich von mir? Der Mensch trägt Verantwortung und die bringt den ungeliebten Zwilling der Verantwortung ins Spiel: Schuld«. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Tyrannenmord macht deutlich, dass es nicht möglich ist, schuldlos davon zu kommen.

Im abschließenden, leider nur recht knappen Austausch mit den Online-Zuhörern, betonte die Autorin, dass sie ein »Gefühl tiefer Dankbarkeit dem Großvater gegenüber empfinde« und darüber, dass es Menschen gegeben hat, die versucht haben, das, was an Orten wie in Theresienstadt passiert ist, zu beenden. Leider hatten, wohl des noch ungewohnten Online-Formats geschuldet, nur wenige Zuhörer den Mut, Fragen zu stellen. Schulleiter Sebastian Ziegler sprach Dankesworte und berichtete, dass die Schüler wie gebannt an der Lesung teilgenommen hätten. Gerade das Gewähren von Einblicken in persönliche familiäre Themen, mache die ganze Sache für junge Menschen nahbar.

Kirsten Benekam

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