Rauschhafte Musik aus Israel

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Wilde Musiker spielen wilde israelische Musik: (von links) Jörg Schneider, Christoph Knitt, Thomas Hoppe, Sebastian Posch und Alexander Glücksmann. (Foto: Janka)

Die Traunsteiner Sommerkonzerte haben ja immer einen thematischen Schwerpunkt, heuer ist es Musik aus Israel bzw. von Komponisten jüdischer Abstammung, die nach Emigration, Flucht oder Deportation ihre neue Heimat nicht in Israel fanden.

Gleich der erste Abend war voll davon, die Harfenistin Silke Aichhorn spielte nur israelische Musik. Ami Maayani (1936 bis 2019) war eigentlich Architekt, studierte aber dann auch Philosophie und Komposition, er baute in der zweiten Gründergeneration Tel Aviv mit auf, gründete mehrere Orchester und war zum Schluss Direktor der zur Universität Tel Aviv gehörenden Israelischen Musikakademie Samuel Rubin. Er komponierte viel für Harfe, seine Werke sind oft Pflichtstücke bei Harfen-Wettbewerben.

Silke Aichhorn widmete sich mit großem Ernst seinem Stück namens »Maquamat – Arabesque Nr. 1« aus dem Jahre 1961 für Harfe solo. Es beginnt mit vereinzelten harten Klängen, umwoben von aufrauschenden Akkorden, die sich in sommerflirrende Arpeggien wandeln, gefolgt von orientalisch anmutenden Klängen, aus denen sich ein bukolisches Lied erhebt. »Chat without words« für Harfe solo aus dem Jahre 2014 von Al Ravin (geboren 1947) wirkt, obwohl der Komponist jünger ist, älter als die von Maayani. Versonnen-zart spielte Silke Aichhorn dieses wie ein Lied klingende, getragen und elegisch wirkende Stück, das sie der verstorbenen künstlerischen Leiterin der Sommerkonzerte Imke von Keisenberg widmete.

Sinnenfroh-rauschhaft wurde es mit dem »Jerusalem Mix« für Holzbläser und Klavier aus dem Jahre 2007 von Avner Dorman. Der 1975 in Tel Aviv geborene Komponist studierte dort Komposition, erhielt im Alter von 25 Jahren den israelischen Prime Minister’s Award für Komposition. Im Jahre 2003 setzte Dorman seine Studien an der Juilliard School of Music in New York fort und schloss sie mit einer Promotion ab. Er hat bereits zahlreiche Kompositionen verschiedener Genres vorgelegt, wie Orchesterwerke, Konzerte und Kammermusik, aber auch Filmmusik und ein Konzert für Violine und Rockband.

Sein sechssätziges »Jerusalem Mix« vereint musikalisch alles, was man in Jerusalem an einem Tag hört: armenische Tänze, Gebete an der Klagemauer, eine jüdische Hochzeit, bei der die Gäste hörbar betrunken sind, eine Explosion und ein muslimisches Morgengebet: ein wilder Mix aus Rhythmen, Straßenlärm und Melodien. Tiefe Fagott-Töne symbolisieren die Klagemauergebete, bei der Hochzeit torkeln Töne und heulen Dissonanzen und die Klarinette juchzt, der Pianist muss öfters die Saiten mit der Hand bearbeiten.

Die Mitglieder des »Ensemble 4.1«, nämlich der Pianist Thomas Hoppe, Jörg Schneider (Oboe), Alexander Glücksmann (Klarinette), Christoph Knitt (Fagott) und Sebastian Posch (Horn), sind die geeignetsten Interpreten für diese rauschhafte Musik: Mit Verve und mitreißender Spiellust werfen sie sich in diese lebensfrohen Klänge, oft unbekümmert um reine Tonschönheit. Als »Easy Rider der Wiener Klassik« sind sie einmal bezeichnet worden, und etwas an rebellischer Unbekümmertheit, aber gepaart mit exzellenter Spieltechnik, hört und sieht man ihnen an, die in schwarzen Anzügen und weißen Turnschuhen auftreten. Etwas von dieser Rauschhaftigkeit schwappte dann über auf ihre Interpretation des Klavierquintetts Es-Dur op. 16 von Ludwig van Beethoven. Natürlich stellten die Musiker mustergültig die Serenadenhaftigkeit und die Architektur dieses Werkes dar, die Abfolge, Bearbeitung und Wiederkehr der einzelnen Themen – aber es schien, als gälte ihr Hauptaugenmerk der sämig-verdichteten Mischung der einzelnen Blasinstrumente mit dem quirlig um- und oft voranspielenden Klavier: eine wahre Ohrenfreude.

Das Konzert wurde vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten und wird am 8. September 2021 um 20.05 Uhr in der »Festspielzeit« auf BR-KLASSIK gesendet.

Rainer W. Janka

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