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Raffiniert Hintergründiges und genial Schlichtes

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Christoph Declara zelebriert beim 4. Sinfonischen Konzert in Traunstein die »Romanze« aus Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466. (Foto: Kaiser)

Die Aula der Berufsschule an der Wasserburger Straße war zum 4. Sinfonischen Konzert Traunstein der Jahreszeit gemäß mit leuchtenden Herbstblumen geschmückt, doch die Bad Reichenhaller Philharmonie beschwor unter dem Dirigat von Christian Simonis mit dem Hauptwerk des Abends noch einmal faszinierend den Hochsommer herbei.


Jahreszeitlich indifferent begann das Konzert mit der »Suite on English Folk Tunes« op. 90 von Benjamin Britten (1913-1976), »very english«, mit Witz und Tiefgang, mit feiner Ironie und gesundem Selbstvertrauen. Melodien aus dem 17. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts notierte Volkslieder vereinten sich hier zu einer munteren, doch auch hintergründigen Melange des »Volkstons«.

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Heftige Paukenschläge und die Rhythmen der kleinen Trommel, unruhige Streicher-Schleier und verwobene Bläserklänge bestimmten »Cakes and Ale«, nach einem allgemeinen Diminuendo beendeten der Pauker und die Konzertmeisterin sehr behutsam den 1. Satz. Sanfte Klänge der Streicher und der Harfe skizzierten »The Bitter Withy«, ruhig-dissonante Bläser und ein präzis-dezentes Schlagwerk gaben »Hankin Booby« sein Gesicht. »Hunt the Squirrel« kam als genial der Musizierweise der Irish Fiddler nachempfundene Aufforderung zur Eichhörnchenjagd und »Lord Melbourne« klang mit dem dunklen Englischhorn wie ein Eigenporträt in selbstbewusst-morbidem Understatement.

Der aus Rosenheim stammende Pianist Christoph Declara war der Solist in W. A. Mozarts (1756-1791) Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466 (1785). Er gewann dem klanglich etwas engbrüstigen Stutzflügel eine stimmige, an die Hammerklavier-Epoche der Mozartzeit anklingende Interpretation ab. Das sehr kompakt angelegte Konzert begann mit sanften Moll-Synkopen des Orchesters, denen ein klares Bekenntnis zu Dramatik und Trotz folgte. Der Solist löste diese Spannung in Schönheit auf. Dieses Changieren zwischen Eintrübung und Klarheit durchzog auch die Kadenz. Auch in den 2. Satz, als »Romanze« bezeichnet, und sein schmeichelndes Einleitungsthema, das nach Variationen verlangte, brach schicksalhafte Aufregung herein, die sich wieder zum Anfangsthema beruhigte.

Der 3. Satz, »Allegro assai«, bot ein nach vorne, nach oben drängendes Thema an, das, von den Holzbläsern neckend imitiert, zwischen Moll und Dur wechselte in einem Thema, das der Solist in der Kadenz tiefgründig auslotete. Die Zugabe von Christoph Declara, mit großer Innenspannung, dabei aber ganz behutsam dem Publikum gewidmet, gab Anlass zu neugierigen Pausengesprächen – es war die Klaviertransskription des Zwischenspiels aus »Orpheus und Eurydice« von Christoph Willibald Gluck.

Ludwig van Beethoven (1770-1827) war ein großer Naturfreund. Den Winter verbrachte er in der Stadt, während er in der übrigen Zeit des Jahres meist auf dem Land lebte, in langen Spaziergängen auf der Suche nach der Einheit von Mensch und Natur. Seine Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 (1807/08), genannt »Pastorale«, ist somit »mehr Ausdruck der Empfindung als Malerey«. Und genau diese Vorgabe nahm Christian Simonis bei seiner Aufführung der »Pastorale« ernst. Zwar setzte er beim »Erwachen heiterer Gefühle« zu sehr großgestigem Dirigat an, doch es wurde unter seinen Händen ein leichtfüßiges, selbstvergessenes Erlebnis daraus.

Ganz zurückgenommenes, reines Empfinden von Schönheit und Harmonie bot als 2. Satz die »Szene am Bach«, bezaubernd und bestechend homogen musiziert mit wunderbar erfüllten Aufgaben für die Holzbläser. Köstlich war zu Beginn des 3. Satzes die liebevoll ironisierte Darstellung der Dorfmusikanten, bevor ein prächtiges Paukengewitter, von der Piccoloflöte durchblitzt, vorbeizog (4. Satz). Davon befreiten ein entspanntes Aufatmen und »dankbare Gefühle nach dem Sturm« (5. Satz) in einem Choralgesang in frohem, hellem C-Dur.

Christian Simonis vermied jegliches Abrutschen ins Gewöhnliche, jede betuliche Stimmungsmache, dirigierte sein Orchester bei diesem Konzert ehrlich und ohne kitschigen Überschwang zu reiner, großer Musik. Engelbert Kaiser