Piano-Glitzer und Streicher-Dreigesang

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Ein Streichtrio (von links: Nicolas Dautricourt, Razvan Popovici und Alissa Margulis) in Kloster Seeon spielte Musik von Beethoven. (Foto: Janka)

Der 18. Chiemgauer Musikfrühling endete an einem strahlenden Oktobersonntagmorgen im vollen Saal des Klosters Seeon mit exquisiter Kammermusik.

Der Zuspruch zu allen Konzerten war so groß, dass sogar die Programmhefte ausgegangen waren. Trotz der Maskenpflicht beim Herumgehen, trotz des Vorzeigen-Müssens des Corona-Impfpasses, trotz der Kälte im Saal wegen des Dauerzwischenlüftens, trotz des Abstandes beim Sitzen: Die Menschen sind fast süchtig nach live gespielter Musik.

Als »sehr lustig, heiter – fast ein Mozart« charakterisierte der Festivalleiter Razvan Popovici das einleitende Streichtrio op. 87 von Ludwig van Beethoven. Mit Popovici begannen Nicolas Dautricourt und Alissa Margulis sehr energisch akzentuiert und mit so großem Temperament, dass Dautricourt bei den schnellen Läufen fast ins Schwitzen kam, endeten aber programmgemäß den Kopfsatz fragend zart. Einen innigen Streicher-Dreigesang bildet das Adagio cantabile, von den Streichern mit nachdrücklichem Strich gespielt. Die überfallartigen Akzente im Scherzo und das fast jagend schnelle Tempo im Finale genossen die Musiker sichtlich und hörbar.

Zu Nicolas Dautricourt gesellte sich nun die Pianistin Diana Ketler für Schuberts Violin-Sonatine D-Dur op. 137,1. Auch hier war wieder viel Mozartisches zu hören. Energischer Zugriff prägte wieder Dautricourts Spiel, während die Pianistin empfindungsvoll und farbenreich begleitete. Beide stellten die Themen und deren bisweilen weiträumige Ausweitung und Wanderung durch die Harmonien plastisch heraus, im Mollteil des Mittelsatzes sang sich die Geige süß aus.

Sein Klaviertrio e-Moll op. 90 hat Antonin Dvorák ausdrücklich nicht »Klaviertrio« genannt, sondern »Dumky« – weil es insgesamt sechs Dumky sind, also Tänze, die nach der Art einer ukrainischen Dumka zwischen langsam-schwermütigen und schnell-ausgelassenen Charakteren wechseln. Jetzt waren es Alissa Margulis, Julian Arp am Cello und Diana Ketler, die ein Trio bildeten. Vollblütig, leidenschaftlich und spannungsreich gestalteten die drei Musiker die schnellen Charakterwechsel vom Sinnend-Schwerblütigen hin zum füßelockenden Tanz, wobei vom Klavier sehr viel Energie kam, vom Cello ein schwärmerisch schöner Ton und von der Geige blühender Klang. Das Klavier schien zwischendurch musikalische Glitzerkonfetti drüberzustreuen, die Geige beherrschte auch den geheimnisvoll fahlen Ton: ein großer kammermusikalischer Genuss.

Als der Rezensent nach dem Konzert nach Hause fuhr, hörte er im Autoradio bei BR-Klassik die eben gehörte Pianistin Diana Kettler, die ja gleichzeitig die künstlerische Leiterin des Festivals ist, wieder spielen: ein nochmaliger Beweis für den hohen Standard des Chiemgauer Musikfrühlings.

Rainer W. Janka

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