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»O'zipft as!«

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»Lauter wahre Geschichten« erzählte der Münchner Ex-OBB Christian Ude im Traunreuter k1-Saal. (Foto: Benekam)

Müssen eigentlich die Münchner Oberbürgermeister das »O‘zapft-is-Ritual«, mit dem seit 70 Jahren das Oktoberfest eröffnet wird, trainieren?


Alt-Oberbürgermeister Christian Ude müsste es wissen. Tut er auch. Und er plaudert es prompt aus, obwohl es, wie er sagt, eigentlich ein großes Stadtgeheimnis sei. Das geneigte Publikum war bei Christian Udes Auftritt im Traunreuter k1-Saal ganz Ohr. So erfuhr es, dass dieser »Kunstschlag« sehr wohl »trainiert« wird, dass es ein weiteres Geheimnis sei, wo geübt wird (in der Paulaner Brauerei!) und, dass so mancher Vorgänger im Amt dabei schon peinliche Überraschungen zum Wiesenauftakt erleben musste. Er selbst hatte, wie er zugab, kurz nach Amtsantritt allein beim Gedanken an diesen Festakt Panikattacken. Er selbst stand also weit mehr unter Druck als das anzuschlagende Bierfass. Einer der Vorgänger sagte im entscheidenden Moment »O'zipft as«.

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Nein, flunkern wollte Ude nicht. Heißt doch das Programm, mit dem er den gut besuchten k1-Saal unterhielt, »Lauter wahre Geschichten«. Von 1993 bis 2014 war Ude Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München. Weiß man doch, ist also wahr und nichts worüber man lange reden müsste. Was er aber in diesen 21 Jahren alles an skurrilen, humorvollen, verblüffenden, aufregenden und peinlichen Geschichten erlebt hat, damit füllt er nun, als gestresster Rentner, Bücher. Oder er geht auf die Bühne, wo er einem höchst vergnügten Publikum seine Oberbürgermeister-Memoiren vorliest oder erzählt. Im Verlauf des Abends versteht dann tatsächlich ein jeder Dieter Hildebrandts Frage: War Christian Ude der einzige Kabarettist, der im Nebenberuf Oberbürgermeister war?

Oder ist es doch umgekehrt: Hat die Zeit als Münchens Oberbürgermeister Ude zum Kabarettisten werden lassen? Politik ist ja nicht weit von Kabarett weg und Lachen ist ja bekanntermaßen gesund. Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass er in seinem etwas fortgeschrittenen Alter so überhaupt nicht müde und »verbraucht«, sondern vielmehr spitzbübisch, vital und durchaus noch dynamisch daherkommt.

Nein, der Ude hat, wie sich zeigte, noch lange keine Lust, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Und ja, es macht ihm ganz offensichtlich Spaß, sein Publikum zum Lachen und Schmunzeln zu bringen. So erfuhren die gespannt lauschenden Zuhörer, wieso bei Familie Ude bereits in der dritten Generation an Weihnachten zuerst die Türken und dann das Christkind kommt. Des Weiteren verriet Ude aus seiner Zeit als Jurist, wie es kam, dass er – obwohl er in seiner Staatsexamensvorbereitung (»Mut zu Lücke«) Kirchenrecht ausgeklammert hatte, dennoch einen katholischen Kirchenmann, ja eine Münchner Autorität, rechtlich mit großem Erfolg hat verteidigen können: Besser gesagt, wieso dieses Verfahren eingestellt wurde.

Wirklich reizend waren auch die wahren Geschichten über seine Frau Mama, die von Udes Gymnasialzeit (wo sie ihn löwenhaft gegen das pädagogische Versagen etlicher Lehrkräfte verteidigte), über seine Zeit als »regierender« OB Münchens (»Sie glauben doch nicht, dass mein Sohn »regieren« kann) bis in die Zeit ihres betagten Alters reichten: Als 90-Jährige verwechselte sie kurzfristig ihren Sohn mit der Schwiegertochter: »Siehst du, Christian, ich hab' die Edith so lieb, dass ich sie sogar mit dir verwechsele.«. Da hätte man wirklich endlos weiterlauschen können. Bleibt zu hoffen, dass er wiederkommt, der Ude. Wenn auch nicht als Oberbürgermeister, so dann wenigstens als meisterhafter Erzähler wahrer Geschichten und Amtsanekdoten.

Das k1-Publikum hielt sich mit seiner Begeisterung nicht zurück und bedankte sich am Ende des Abends mit einem langanhaltenden Applaus. Kirsten Benekam

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