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Ordnung und scheinbares Chaos - Natur und Technik

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Das Werk »Rhizom künstlich-natürlich« von Michael Heider. (Fotos: Giesen)

Zwei ganz unterschiedliche Künstler haben mit Alessia von Mallinckrodt und Michael Heiderim vergangenen Jahr den von Kunstverein, Landkreis und Stadt Traunstein verliehenen Roter-Reiter-Preis erhalten.


Seit einigen Wochen sind eine große Anzahl der Werke beider Künstler auf drei Etagen im Landratsamt Traunstein zu sehen. Die interessierten Besucher können in aller Ruhe in den weitläufigen Gängen des Gebäudes die Bilder betrachten und sich ungestört dort aufhalten, so lange sie wollen. Will man sie wirklich verstehen, verlangen die Werke beider Künstler eine eingehende Beschäftigung damit, die sich lohnt.

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Basis für die Arbeiten von Alessia von Mallinckrodt aus Chieming ist die Gegenüberstellung und Integration von Natur und Architektur. »Architektonisches findet sich ja bereits im Wald, im Gebirge, im Himmel mit Kondensstreifen und im Wasser, in das ein Stein gefallen ist und sich vergrößernde, konzentrische und kreisförmige Grundrisse erzeugt«, sagt sie selbst. Alessia von Mallinckrodt, Jahrgang 1972, ist tief verwurzelt in der Natur, was sich sowohl bei ihren häufigen Hell-Dunkel-Zeichnungen, ihrer Malerei, fast immer in zurückgenommenen, gedeckten Farben, in Skulpturen und Installationen zeigt. Die Künstlerin vereint die unterschiedlichen künstlerischen Techniken und Ausdrucksformen zu einem neuen, stilsicher kompo-nierten, ästhetisch ansprechenden Ganzen.

Dabei erhält der Betrachter durch inhaltliche sowie formalästhetische Bezüge zu Natur und Technik, Kunst und Natur die unterschiedlichsten Denkanregungen und Seheindrücke. Wie zum Beispiel bei »Hart« oder ihrem »Long Island Fence« zu sehen, haben es ihr die architektonischen Gebilde besonders angetan, die deutlich von konstruktiven Elementen bestimmt sind, wie Zäune, Feuerschutztreppen, Baugerüste etc.. Von weitem betrachtet mögen ihre Tafelbilder wie gemalt aussehen, erst aus der Nähe offenbart sich, dass hier mit einem Markerstift Strich um Strich nebeneinander gesetzt wurden. Alessia von Mallinckrodt wuchs in Rom auf, studierte in New York und absolvierte ihren Master of Fine Arts an der Rhode Island School of Design in Providence. Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit unterrichtet sie an der Schule der Fantasie und am Annette-Kolb-Gymnasium Traunstein.

Nicht weniger hintergründig und tiefsinnig sind die ausschließlich mit einem einfachen Computerprogramm hergestellten Ar-beiten von Michael Heider, Jahrgang 1956. Der Salzburger Künstler, Philosoph, Pädagoge und Mathematiker Michael Heider widmet sich der manipulativen Macht von Texten und Bildern in den Zeiten von »fake news« und »alternativen Fakten«, in der die eigene – vielfach von äußeren Einflüssen gesteuerte – Wahrnehmung oft nicht hinterfragt wird. Michael Heiders Arbeiten bestechen schon beim flüchtigen Hinsehen durch klare Formen, starke Farbigkeit und extreme Kontraste.

Genauer betrachtet scheint Vieles an ihnen spielerisch, tänzerisch und mit einem feinen, hintergründigen Humor. »Alles geht vom Denken aus«, sagt Heider. »In der Theoriearbeit wie auch in der künstlerischen leiten mich Transformations- und Übersetzungsprozesse, wobei das Offenhalten der Fragen die eigentliche Aufgabe ist. Meine Kunst ist immer konzeptionell begründet, weil alles aus theoretischer Arbeit kommt«, so Heider.

»Als Künstler ist er auf der Suche nach den Verbindungen der Welt der Gedanken, Ideen und Vorstellungen mit der Welt des Realen, Wahrnehmbaren, Materiellen«, stellte der Vorsitzende des Kunstvereins, Herbert Stahl, bei der Vernissage fest, bei der er eine umfassende Einführung in die Ausstellung gab. Auf diesem Weg des Suchens entstünden seine Arbeiten, bei denen häufig die Symmetrie eine große Rolle spiele. Arbeiten mit freien, linearen Strukturen, Texturen und amorphen Formen nennt Heider »Rhizome«, nämlich Ordnung und scheinbares Chaos im metaphorischen Sinn – ein Begriff aus der Philosophie.

Auch stellvertretender Landrat Josef Konhäuser freute sich, zu der heuer zum siebten Mal stattfindenden Ausstellung »Kunst im Amt« wieder eine so hochwertige, ansprechende Präsentation zeigen zu können. Er schloss mit den dazu passenden Worten des deutschen Kunsttheoretikers Konrad Fiedler: »Die Kunst ist ein Unendliches, jedes Kunstwerk ein Bruchstück, trotzdem es als ein Vollständiges erscheint.«

Die empfehlenswerte Präsentation im Landratsamt ist bis Mitte Juni zu den Öffnungszeiten der Behörde von Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr geöffnet und freitags von 8 bis 12 Uhr.

Christiane Giesen

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