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Ohne Worte alles gesagt

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Akrobatisch begabt, Musikkabarett-tauglich und kunstvoll maskiert: Habbe & Meik brillierten im Traunreuter k1 mit großartigem Maskentheater. (Foto: Benekam)

Was macht es mit uns, wenn uns von jetzt auf gleich die Sprache genommen und unser Gesicht hinter einer Maske »verschwinden« würde? Wenn wir also »sprachlos« wären und unser einziges Mittel der Kommunikation die nonverbale Sprache des Körpers wäre.


Dem Publikum, das im Traunreuter k1-Saal in den Genuss des fantastischen Maskentheaters von Habbe & Meik gekommen ist, hat sich auf wundersame Weise erschlossen, dass es gerade bei der Stilisierung zwischenmenschlicher Beziehungen keiner Worte bedarf. Tiefes Verstehen im Zwischenmenschlichen. Abstruse Geschichten und schräge Begegnungen, der stille (und gerade weil er still ist), ausdrucksstarke Kampf mit den wundersamen Unebenheiten des Alltags, mit der Schwerkraft und dem (über)menschlichen Gegenüber, das vor schrulligen Charaktereigenschaften nur so strotzt – all das lässt sich gerade ohne Worte und hinter selbst kreierten Masken eindrücklich »erzählen«.

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Habbe & Meik, alias Hartmut Ehrenfeld und Michael Aufenfehn sind wahre Meister darin. Als grandioses Duo der visuellen Comedy und des virtuosen Maskentheaters wurden die beiden Diplompantomimen international mit zahlreichen Preisen geehrt – zuletzt gewannen sie den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2018. Maskentheater braucht also keinen Text. Es lebt von der Körpersprache. Die allerdings muss, fein differenziert, alle Nuancen und Spannungen des sich nach außen kehrenden Innenlebens transportieren, damit sie als »Ursprache« beim Zuschauer (gleich welchen Alters, gleich welcher Herkunft oder Kultur) ankommt und wirkt. Eine viel zu selten praktizierte Theaterkunst, die in Verquickung mit Musik und Artistik bei Habbe & Meik zu zauberhafter Entfaltung kam.

Überhaupt keine Verständnisprobleme gab es offenbar bei den Kindern. Waren es doch in der Vorstellung im k1-Saal meist die Kleinen, die am lautesten lachten. Maskentheater lebt also von Verfremdung und Reduktion, braucht kein Bühnenbild, wenig Kostüm und die sparsam eingesetzten Requisiten entwickeln gerne mal ein skurriles Eigenleben. Etwa eine Bettdecke (in der Kollege Meik steckte), in der Nummer »Bettgeflüster«, die dem bemitleidenswerten Habbe das Zur-Ruhe-kommen schier unmöglich macht. Eine akrobatische Glanzleistung vollführte das Duo auch als »Handwerker« auf einer Stehleiter, bei der sich die beiden ein echtes Dominanz-Gerangel lieferten, sich mit scheinbar viel zu vielen Extremitäten in viel zu vielen Sprossen verhedderten und in allerhöchste, schwindelerregende und am Ende auch Höhenangst verursachende, wippende Schieflage brachten.

Dass die beiden Mimen hochmusikalisch sind, zeigte sich in urkomisch eingestreuten, musikalischen Darbietungen mit fantasievoll gestalteter Instrumentierung und bei einem überzeugenden Kochlöffel-Applausdirigat. Hier zeigte sich das k1-Publikum, das mit klatschkräftigem Einsatz ins Spiel einstieg, als rhythmisch gewandt und durchaus talentiert. Darum klappte das auch mit dem Schlussapplaus so gut, der die akrobatisch begabten, Musikkabarett-tauglichen, aber vor allem kunstvoll maskierten Pantomimenkünstlern aus der Sprachlosigkeit riss.

Als Zugabe erfuhr das Publikum, wie vor Corona die Auftritte inszeniert waren, wie sehr ihnen die Nähe und der direkte Kontakt zum Publikum fehlen, der Gang durch die Publikumsreihen, das Überraschen der Menschen, das »Berühren und Nahekommen«, psychisch wie physisch. Aus den Worten spürte man eine gewisse Trauer und Wehmut, die uns letztlich alle trifft. Und mal ehrlich, bieten diese derzeit unverzichtbaren Corona-Masken in unserem Alltag nicht irgendwo auch eine Chance – nämlich, sich wieder mehr auf die Ursprache, die »Zeichen« der Körpersprache zu besinnen.

Kirsten Benekam

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