Musikalische Symbiose zweier Genres

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Virtuose Vermittlerin zwischen Klassik und Jazz: Chenny Gan begeisterte im k1-Saal. (Foto: Benekam)

Klassik und Jazz. Zwei musikalische Welten. Jede für sich ist ein eigener Kosmos, jede für sich entdeckens- und erlebenswert: Vielseitig, spannend, voller Überraschungen, Variationen und immer neuen Möglichkeiten. Diese beiden Welten einander anzunähern – die eine, um Elemente der anderen zu bereichern und umgekehrt, das hat sich die Pianistin Chenny Gan in ihrem Programm »Classic meets Jazz 2.0« zur Aufgabe gemacht.

Die zahlreichen Konzertbesucher im großen k1-Saal in Traunreut ließen sich gerne auf dieses aufregende Hörexperiment ein, das einer klangschönen akustischen Sinneserweiterung gleichkam. In ihrem Spiel fungierte Gan, so schien es, als freundliche Vermittlerin zwischen Klassik und Jazz, mischte polytonale Harmonik und improvisatorische Interpretation und ließ den daraus entstehenden erfrischenden, musikalischen Wirbelwind durch den k1-Saal wehen.

Erfrischend, weil voller Überraschungsmomente: Da erklang etwa Beethovens »Mondscheinsonate«, so wie man sie kennt und liebt (und wie das kompositorische Juwel auch bitte schön zu bleiben hat), plätschert lieblich dahin, sodass man sich entspannt in den Hörgenuss hineinlegen möchte, bis sich unvermittelt, zunächst fast unmerklich, ein paar »artfremde« Tönchen einschleichen. Hoppla, könnte man meinen, hätte man zuvor nicht ins Programm geschaut. Vergriffen? Diese »Extra-Akkorde« häufen sich, nehmen den Charakter »musikalischer Extrasystolen« an: Dasselbe Herz, aber es fängt an, in anderem Rhythmus zu schlagen. Unweigerlich lauscht der Zuhörer, wird wach und sucht Orientierung.

Im Verlauf führt Gan die »Verirrten« wieder im eleganten musikalischen Bogen zurück zum musikalischen Ursprungsgedanken der Komposition. Aber nur, um bald wieder aufzubrechen, um den Hörer in wieder neue Hörgefilde zu entführen. Genial, vor allem deshalb, weil es ihr gelingt, der Ursprungskomposition in keinem Moment die Seele zu rauben, sondern sie, im Gegenteil, mit anderen spannenden Ideen weiter wachsen zu lassen – eine musikalische Symbiose zweier Genres, könnte man sagen.

Nachdem die Chose ganz famos mit Beethoven klappte, führte Gan auch Bachs Inventionen in d-Moll und a-Moll in diese »Verjazzung«, in diese Zwischenzone von Jazz und Klassik. Diese »Idee« hatten vor Gan freilich schon andere Musiker: Etwa der russische Komponist Arcadi Volodos, der sich mit virtuosen Transkriptionen klassischer Werke einen Namen gemacht hat. Er nahm sich des »Türkischen Marsches« des letzten Satzes von Mozarts A-Dur-Klaviersonate KV 331 an und »erweiterte« ihn um eigene (russische) furiose Themen – ein Klangspektakel, das Chenny Gan den k1-Gästen in temperamentvollem und hoch virtuosem Spiel kredenzte.

Neben Finger- und Tastenakrobatischen Ereignissen, hatte Gan auch humoristische, selten gehörte Kompositionen im Programm, die sie in charmanter Anmoderation samt Hintergrundinformation zum Besten gab: Etwa die »Nokia Fuge« – ein Werk, zu dem sich 2008 Vincent Lo vom allgegenwärtigen (und nervigen) Nokia-Klingelton inspiriert fühlte oder auch Marc-André Hamelins »Ringtone Waltz«: Hörgenüsse zum Schmunzeln, die Gan zu einem improvisierten Medley verarbeitet, zum Klinge(l)n brachte.

Wie romantische Anklänge von Chopins Nocturne in Es-Dur op. 9 Nr. 2 in jazzigen Schwung geraten können, oder wie ein russischer Pianist das Hauptmotiv des Cis-Moll-Préludes von Sergei Rachmaninow zu einer Klavier Ragtime transkribierte, versetzte die restlos begeisterten Konzertbesucher ebenso ins Staunen wie Chenny Gans 18 Variationen zu einem Paganini-Thema: Damit schlug sie gleich mehrere kompositorische Fliegen mit einer Klappe. Denn sie kombinierte Auszüge aus der von Franz Liszt geschriebenen »Paganini Etude« (1851) mit den »Paganini Variations« (1995) von Fazil Say und schuf da-raus ihr eigenes improvisatorisches Wunderding: Ein unglaublich variationsreicher Tastengalopp, der beim Zuhörer fast Schnappatmung hervorruft – einfach fantastisch und teuflisch gut.

Dafür gab es am Ende einen Riesenapplaus und Standing Ovations. Eine Mozart-Zugabe im Jazz-Gewand setzte noch einen Ohrwurm für den Heimweg.

Kirsten Benekam

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