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Lesung aus verbrannten Büchern

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Die Schauspieler Hilmar Henjes (links) und Nik Mayr vom Theater Wasserburg lasen im Rahmen des Chiemgauer Literaturfests Leseglück.

Das Chiemgauer Literaturfest Leseglück ging mit der letzten Veranstaltung in seiner zweiten Auflage vorerst in Abwarte-Position. Nachdem Corona-bedingt bisher nur Online-Lesungen stattfinden konnten, hoffen die Veranstalter, dass wenigstens im Juli noch einige Lesungen vor Publikum durchgeführt werden können.

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Informationen zu den fünf noch ausstehenden Lesungen an unterschiedlichen Orten gibt es online unter www.leseglueck-grenzenlos.de. Erstmalig mit im Leseglück-Boot war heuer auch das Theater Wasserburg, das in Kooperation mit der Wasserburger VHS die »Lesung aus verbrannten Büchern« zur Online-Aufführung brachte. Die beiden Schauspieler Hilmar Henjes und Nik Mayr stellten sich mit ihrer anspruchsvollen Lesung zum Thema »Bücherverbrennung 1933« als echte Bereicherung des Literaturfests heraus und durften sich seitens der Zuhörerschaft über gute Resonanz freuen.

Am 10. Mai 1933 karrten in zahlreichen deutschen Universitätsstädten die Nazis Tausende Bücher aus öffentlichen und privaten Bibliotheken zusammen, um sie auf öffentlichen Plätzen zu verbrennen. Die Werke bekannter Autoren wurden als »undeutsches Schrifttum« entlarvt und sollten deshalb in Flammen aufgehen. Ihre Autoren wurden überdies mit sogenannten Feuersprüchen verunglimpft. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zielte diese zerstörerische Kampagne, die sich »Wider den undeutschen Geist« richtete, auf politische »Gleichschaltung« und Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und wurde in erster Linie von starkem Antisemitismus getragen.

Die Deutsche Studentenschaft sah damals die Aktion als Fortführung des nationalsozialistischen Boykotts jüdischer Geschäfte und als Beitrag zur »Erneuerung des Reichs«. Teil dieser hässlichen Aktion waren die zwölf Thesen »Wider den undeutschen Geist!«. Das Pamphlet, in dem sich die rassistischen und antisemitischen Motive der Bücherverbrennungen offenbarten, wurde auf Plakaten, Flugblättern und in vielen Zeitungen abgedruckt. Auf riesigen Scheiterhaufen endeten, unter anderen, Bücher von Bertolt Brecht, Erich Kästner, Karl Marx, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Hans Fallada, Oskar Maria Graf, Franz Kafka, Mascha Kaléko, Annette Kolb und Rosa Luxemburg.

Heinrich Heines vorhersehende Worte, »Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«, sollte sich in Deutschland schon wenige Jahre später bewahrheiten. Nun, also 88 Jahre später, greifen Künstler in eben dieses Feuer und scheuen sich in keinem Moment davor, sich die Finger zu verbrennen. Sie springen jenen systemkritischen Literaten und Künstlern posthum bei, indem sie ihre verbrannten Werke rehabilitieren, sie hochhalten, ihnen erneut Gehör verschaffen – und das in einer Zeit, in der die politischen und gesellschaftlichen Ströme auf beängstigende Weise an jene angeblich vergangenen, dunklen Geschehnisse erinnern.

Zu Beginn der Online-Lesung wurde der ein oder andere Zuhörer vermutlich grün im Gesicht. Das Lesen der zwölf Thesen »Wider den undeutschen Geist« kann schon Übelkeit hervorrufen. Es hätte aber keine bessere Fallhöhe geben können, denn die im Anschluss gelesenen Textzitate der »Verbrannten«, die das Verbrechen kommentierten, tauchten wie Hoffnungsschimmer aus dem braunen Dunst auf: Bert Brecht, der Angst hatte, man könne vergessen, seine Schriften ins Feuer zu werfen oder Kästner, der beim Anblick des Bücher-Holocausts »nur« die Faust in der Tasche ballte (wohl aus Angst, man könne ihn gleich mitverbrennen).

Dazwischen lasen die Schauspieler immer wieder aus »verbrannten Werken« vor, etwa Erich Mühsams »Der Revoluzzer« (1908 der deutschen Sozialdemokratie gewidmet), »Das kunstseidene Mädchen« von Irmgard Keun, »Kleiner Mann – was nun?« von Hans Fallada oder aus »Der Untertan« von Heinrich Mann. Dabei hatten es die beiden Schauspieler nicht versäumt, ihren Blick auf historische Ereignisse zu lenken, die dieser Zeit vorausgingen: Der Akt der Bücherverbrennung ist keine Erfindung des Nationalsozialismus`. Die ersten Bücherverbrennungen sind aus dem alten China 213 vor Christus überliefert, im 13. Jahrhundert waren es die Talmud-Verbrennungen und im 16. Jahrhundert brannten Martin Luthers Schriften.

Wie »lernresistent« der Mensch bis heute ist, sieht man an den Kritikern von Harry Potter: »Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums, Verharmlosung von Okkultismus und Geisterglaube«, heißt es da.

Glücklicherweise brannten Joanne K. Rowlings Werke bisher noch nicht. Dennoch passte die abschließende Lesung aus »Harry Potter und der Stein des Weisen« mehr als gut, thematisiert doch Potters Geschichte Ausgrenzung, Vorurteile und Manipulation, derer sich ein Andersgearteter ausgesetzt fühlt.

Kirsten Benekam

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