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Kunst und Kultur gehören genauso zum Leben

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Der Cellist Wen-Sinn Yang ist froh, dass er neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als Musiker auch eine feste Stelle als Hochschulprofessor und Orchestermusiker hat. (Foto: Aumiller)

Cellist Wen-Sinn Yang, Professor der Münchner Musikhochschule und künstlerischer Leiter der Alpenklassik Bad Reichenhall, gibt im Gespräch mit unserer freien Mitarbeiterin Elisabeth Aumiller Auskunft über die derzeitigen musikalischen Möglichkeiten.


Herr Yang, wie haben Sie diese Zeit des Stillstands aller musikalischen Aktivitäten persönlich erlebt?

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Yang: Von Tempo 200 plötzlich auf Null ausgebremst zu sein, hat bei mir zuerst eine Lethargie bewirkt. Dann habe ich versucht, mich über die Zwangsferien mit viel Freizeit zu freuen, aber wenn der Tag keine Struktur hat, ist das für mich sehr schwierig. Also habe ich mir selbst Aufgaben gestellt, zum Beispiel Büro aufräumen, Ordnung machen, ein neues Stück einüben etc. Dann habe ich meine Studenten kontaktiert. Alle waren in den Semesterferien in ihre Heimatländer gefahren, nach Asien, Österreich, Frankreich oder Estland. So habe ich angefangen, sie über das Internet zu betreuen, aber die Konferenzplattformen sind für Sprache gedacht, nicht für Musik, und beim jetzt sehr häufig überlasteten Internet hilft das beste Mikrofon nichts, der Ton kommt verzerrt oder fällt ganz aus. Die Studenten hätten zwar zum Arbeiten kommen dürfen, aber während der Quarantänepflicht nach Einreisen aus dem Ausland wollten und sollten sie zu Hause bei ihren Familien bleiben.

Wann kann der Betrieb wieder hochgefahren werden?

Seit letzter Woche wird sanft wieder geöffnet mit den strengsten Hygienemaßnahmen, welche die Hochschulleitung mit dem Ministerium ausgehandelt hat, zum Beispiel nur eine Person im Raum, nach jedem Üben muss desinfiziert und gelüftet werden. So langsam trudeln jetzt alle wieder ein, nachdem die Quarantäneverpflichtung aufgehoben wurde. Ab nächster Woche ist Korrepetition erlaubt mit dem Pianisten, also drei Personen im Zimmer. Aber vorläufig wird kein Chor singen, kein Orchester spielen, kein größeres Ensemble zusammenkommen und auch öffentlichen Konzerte werden nicht stattfinden. Der Unterricht für Theoriegruppen wurde vollständig auf online umgestellt. Die TU und LMU haben gar keinen Präsenzunterricht. Für die theoretischen Fächer können wir das auch so halten, aber Instrumental- und vor allem Gesangsunterricht ist online nicht möglich.

Wie sieht es mit der Alpenklassik aus?

Sie ist leider stark gefährdet, aber es ist noch keine Entscheidung gefällt. Ich kämpfe sehr darum, dass sie stattfinden kann. Bad Reichenhall hat in der Infrastruktur viele Möglichkeiten, kleinere Konzerte anzubieten. Wir würden die Konzerte doppelt oder dreifach spielen, damit mehr Leute teilhaben können. Kammerkonzerte könnten wir veranstalten, aber mit Orchester geht es nicht, wenn nicht weiter gelockert wird.

Wie steht es um Ihre Konzertauftritte beim Musiksommer zwischen Inn und Salzach?

Meine Junikonzerte sind abgesagt, ein Ausweichtermin fand sich für November, das andere Konzert ist vorerst gestrichen. Auch meine dreiwöchige Japan-Tournee kann nicht stattfinden. Aber für mich persönlich ist das Gesundsein das Wichtigste. Der Druck zur Öffnung ist zwar allgemein sehr groß, dennoch glaube ich, dass die Vorsicht sehr wichtig und die Abschottung im Moment die einzige Möglichkeit ist. Ob Alternativen sinnvoll gewesen wären, wie etwa das Modell Schweden, kann man erst in zwei Jahren erkennen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Korea z.B. hatte es mustergültig in den Griff bekommen, aber als Diskotheken etc. wieder geöffnet wurden, sind neue Erkrankungsfälle eingetreten und die Regierung hat sofort alles wieder vollständig gesperrt.

Und die wirtschaftliche Lage für die Künstler aller Sparten, was können Sie dazu sagen?

Am schlimmsten ist es für die freischaffenden Künstler und Musiker, die sind auf Null. Ich persönlich bin sehr dankbar, dass ich neben meiner freiberuflichen künstlerischen Tätigkeit immer eine feste Stelle hatte und habe, sowohl im Orchester als auch jetzt als Hochschulprofessor. Mein ganzes Mitgefühl gilt den vielen freiberuflichen Künstlern und ich bin sehr froh, dass die Politik jetzt auch die Kultur wahrgenommen hat. Da wurde einem schon bewusst, dass wir am Ende der Nahrungskette stehen. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass wir, wenn es eine Auftrittsmöglichkeit für uns Musiker gibt, diese nutzen sollten, auch jenseits von Rentabilitätsfragen. Es muss klar werden, dass Kunst und Kultur genauso zum Leben gehören. Nicht jeder besucht ein klassisches Konzert, aber auch nicht jeder geht zum Fußball, deshalb muss der Vielfalt der Menschen auch eine Vielfalt im Angebot gerecht werden.

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