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Blutige Wahrheit und verzweifelte Fragen: »Was soll ich tun« von Ruth Bergmann. (Fotos: Benekam)
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Unter dem Titel »Käfig« ist das Werk von Cosima Strähhuber im Stadt- und Spielzeugmuseum zu bewundern.

Kunst im Spiegel der Zeit

Alles Neue bringt dem Kunstverein Traunstein heuer nicht der Mai, sondern der Oktober. Pandemiebedingt musste nach zweijähriger Unterbrechung die für Frühjahr geplante Kunstausstellung in den Herbst verlegt werden.

Und der Veränderungen nicht genug, musste der Kunstverein mit verkleinerter Ausstellungsfläche in der Alten Wache im Rathaus zurechtkommen. Dieser unbequemen Neuerung zum Trotz, beschloss der Verein aus der Not eine Tugend zu machen und hielt Ausschau nach alternativen Ausstellungsflächen, die man in unmittelbarer Nähe fand: Das Stadt- und Spielzeugmuseum, vis-a-vis am Stadtplatz, sei, so erster Vorsitzender Herbert Stahl, »eine wahre Wunderkammer an historischen Exponaten aus der Kunst- und Alltagswelt vergangener Zeiten«. So reifte die Idee, die historischen Exponate in einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst treten zu lassen.

Die vielfältigen Früchte derlei Auseinandersetzungen von insgesamt 42 Mitwirkenden des Kunstvereins sind also als Rendezvous zwischen historischen und zeitgenössischen Kunstwerken zu verstehen – »Responses, Kunst von heute im Dialog mit Kunst von gestern«, so der Ausstellungstitel. So schlugen die unterschiedlichsten historischen Exponate des Museums beeindruckende Wellen vom damals ins Jetzt: Ein historischer Drache etwa inspirierte Christa Bock-Köhler zu einem Bild – »Drache mit Schnur« und einer Skulptur aus Mörtelbasis.

Von einer antiken Puppensammlung fühlte sich Eva Dahn-Rubin künstlerisch angesprochen: Sie schuf ein Objekt aus unterschiedlichen Materialien – von Holz, Draht und Textil bis hin zu Acrylglas – eine bunte Szenerie, in die sie drei Barbiepuppen einarbeitete und Cosima Strähhuber griff für ihr Werk »Käfig« – von einem Biedermeiersofa inspiriert, zu Nadel und Faden und nähte eine Art Krake, deren Stoffmuster, mit dem des Biedermeiersofas korreliert. Eine ehemalige Schusterwerkstatt wurde von Edith Heilmeier mit einem stylischen Schuhpaar aufgepimpt – »Abgelaufen«, so der Titel der farbenfrohen »Kunst-Treter«. Die abenteuerliche Entdeckungstour über drei Stockwerke, auf der man kreativen Tête-à-Têtes von alten und neuen Kunstobjekten begegnet, lohnt sich also unbedingt.

Und damit der Kunsthunger vollends gesättigt ist, sei im Anschluss ein Besuch in der Alten Wache ans Herz gelegt. Dort trifft man in der 2010 ins Leben gerufenen Reihe »Im Dialog« auf Kunstwerke, die einem schier den Atem stocken lassen. Der Grundgedanke dieser Kunstreihe, zwei Künstler in ihren jeweiligen (Kunst-)Sprachen in einen kreativen, themenbezogenen Dialog treten zu lassen, förderte einmal mehr beeindruckende interaktive Kunst hervor. Heuer lud die im Chiemgau lebende und arbeitende Künstlerin Heidi Unger die Höchstadter Künstlerin Ruth Bergmann ein.

Beide Künstlerinnen wandten sich in ihrem Kunstschaffen dem Verhältnis des Menschen zum Tier zu. Der Tierfreund wird vermutlich beim Betreten des Ausstellungsraums irritiert sein, sich vielleicht verstört abwenden und dem »Fluchtimpuls« nachgebend, das Weite suchen. Da liegen Kunst gewordene tierische Kreaturen auf dem Boden, denen offenbar übel mitgespielt wurde. Die Installation ist unter dem Titel »Gesellschaftstiere I bruchstückhaft« ausgestellt.

Der Anblick von unförmig verquollen Tierkörpern – Kälber, Ferkel, auch einen Affen meint man zu erkennen – oder gar abgetrennte Extremitäten und Köpfe, lässt an ein Schlachtfeld denken. Diese »Kreaturen«, die alle aus diversen Materialien in grau-brauner oder gräulich-weißer Farbe gearbeitet sind, wirken einsam, gequält, geschändet und benutzt. Und sie tun genau das, was Kunst tun soll: Sie lösen im Betrachter Emotion aus und geben Denkanstöße. Mit großem Mut konfrontiert Heidi Unger in ihrer Kunst mit Verstümmelung, enthüllt traurige Wahrheiten, richtet den Fokus auf unbequeme Missstände, die so mancher lieber im Verborgenen dümpeln lassen, möchte.

Auf andere Weise setzt Ruth Bergmann ihr Zeichen zum selben Thema. »Was soll ich tun« ist der Titel ihres Werks, mit dem sie 63 Meter Papierschleifen Heidi Ungers Installation gegenüberstellt und damit, in abstrahierter Form, die Essenz der menschlichen Grausamkeit gegenüber dem Tier widerspiegelt: Acht Liter Schweineblut trug die Künstlerin mit einer Pipette auf. Zudem bearbeitete sie Fotografien aus Schlachthöfen und »versteckt« in scheinbar hübschen Kreuzstichstickarbeiten einen weit weniger schönen Text.

Die beiden Ausstellungen sind noch bis zum 30. Oktober täglich von 13 bis 18 Uhr in der Alten Wache und im Museum von Dienstag bis Samstag von 10 bis 15 Uhr und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu besichtigen.

Kirsten Benekam

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