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Kunst als Prozess zwischen Furor und Poesie

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Viele Besucher lauschten bei der Vernissage der Gedächtnis-Ausstellung »Works I« zu Ehren des vor einem Jahr verstorbenen Traunsteiner Künstlers in der Klosterkirche den Worten von Kulturreferentin Ursula Lay. (Foto: Effner)

»Für mich gibt es kein kunstfremdes Material«: Das sagte Heinrich Stichter. Der Traunsteiner war einer der Initiatoren und führenden künstlerischen Kräfte des Kunstvereins Traunstein und gehörte zu den bedeutendsten Künstlern im Chiemgau.


Auch weit über seine Heimat hinaus genoss er als schöpferischer und kritischer Geist hohes Ansehen. Anlässlich seines Todes mit 79 Jahren im August letzten Jahres erinnern die Städti-sche Galerie und die Kulturfördervereinigung ARTS in einer aktuellen Ausstellung »Works I« an seine Werke, Wirkung und Persönlichkeit. Es sind verhältnismäßig wenige – insgesamt 13 – Ausstellungsstationen von Stichter, die noch bis 23. August in der Traunsteiner Klosterkirche zu sehen sind. Sie umfassen den Zeitraum von 1975 bis 2010 und beinhalten Skulpturen und Materialbilder. Bilder und Zeichnungen des Künstlers, die ursprünglich für eine Gesamtschau mit eingeplant waren, werden aufgrund der noch laufenden Abschlussarbeiten im Kulturforum – speziell im Galerieflügel – in einer ergänzenden, zweiten Ausstellung »Works II« im November zu sehen sein.

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Erstaunlich ist, wieviel mehr doch gerade eine stark reduzierte Zahl an Ausstellungsstücken über die Künstlerpersönlichkeit und seinen Arbeitsprozess verraten kann. Die Auswahl ist wohl durchdacht und die Werke können gerade dadurch auch ihre volle Raumwirkung in der Klosterkirche entfalten. Die Präsentation in miteinander korrespondierenden Paaren macht ergänzend Vergleiche möglich. Auf diese Weise treten Prinzipien und Wirkmechanismen in den Arbeiten Stichters deutlicher hervor.

Wer darin »identifikatorische Resonanzräume für Gedanken, Gefühle, Befindlichkeiten, Stimmungen« oder persönliche Lebenssituationen sucht, wie es Judith Bader bei der Vernissage ausdrückte, der bekommt höchstwahrscheinlich keine Antwort. »Das Werk von Heinrich Stichter erschließt sich nicht über den Weg des Wiedererkennens, denn seine Kunst befreit sich aus jeglicher Abhängigkeit von einer nachzubildenden Vorlage«, erläuterte die Leiterin der Städtischen Galerie.

Dafür gibt es viel Spannenderes zu entdecken. Wer den Werken offen gegenübertritt, sie genau aus der Nähe studiert, der wird möglicherweise wie in einen Strudel mitten hinein- und mitgerissen von dem künstlerischen Schaffens- und Schöpfungsprozess. Stichter verwendet das, was andere nicht mehr gebrauchen können: Eisenblech, Stahl, Baugitter, Sand, Pressholz, Bitumen und andere Fundstücke. Von daher hat er aus heutiger Sicht schon »nachhaltig« gearbeitet, als andere noch gar nicht an Recycling dachten.

In einem Entgrenzungs- und Transformationsprozess werden die Teile und Materialien aus ihrer ursprünglichen Funktionalität herausgelöst. Im kompositorischen Zugriff des Künstlers und im Ringen mit den Eigenheiten der Gestaltungsmittel gewinnt das Werk – zum Teil über Jahre hinweg – als gleichberechtigtes Gegenüber in immer neuen Überarbeitungen an Kontur. Das Interessante ist, was sich prozesshaft ereignet, nicht die Frage: Was wird hier erzählt? Deshalb haben auch die wenigsten Arbeiten Titel.

»Es brodelte in ihm«, erzählen Wegbegleiter von Stichter. Diese Energie des Schaffens zeichnete auch seine Werke aus, die meistens nachts in seinem Atelier in der Oswaldstraße entstanden sind. Deren Elemente scheinen sich oft wie in einem Kampf aus der zweidimensionalen Fläche des Bildträgers in die Dreidimensionalität des Raums herauszuwinden. Stichter erreichte dies durch die Anreicherung der Farbe mit Sand, das Aufkleben von Papier auf den Malgrund, die Bearbeitung der Farbschichten und das Einarbeiten von Materialien.

In der Ausstellung lassen sich diese Prozesse besonders gut in dem gitterförmigen, fast goldfarbigen Tafelbild mit Bitumen von 1975 an der Stirnseite im Chor oder an der auf dem Boden liegenden Assemblage mit Hintergussmasse (2005 – 2010) studieren. Wie Kreis und Quadrat sich im künstlerischen Ringen und in mehrfachen Brechungen als Kugel und Pyramide den Raum erobern, zeigen auf faszinierende Weise der rote »Torso« und die geheimnisvolle, schwarze »Schütte«, in deren Trichter gerade ein gurgelnder Mahlstrom erstarrt zu sein scheint.

Mit Kunstvereinsvorsitzendem Herbert Stahl, Kulturreferentin Ursula Lay und der ehemaligen ARTS-Vorsitzenden Sigrid Ackermann erinnerten gleich drei langjährige Wegbegleiter bei der Vernissage an die vielen Facetten von Stichters Kunst- und Kulturengagement. Als Kunsterzieher hat der Traunsteiner auch Generationen von Schülern Wege zur Kreativität gezeigt. Seine Werke waren nicht nur in Rosenheim und München, sondern auch in Berlin und im fernen Oldenburg zu sehen. Zur Werkdeutung äußerte der Künstler in einem geringfügig modifizierten Zitat: »Vergessen Sie die Theorie und erleben Sie die Kunst.« Axel Effner

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