Krieg, Liebe, Seelenfrieden

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Jordi Savall und seine Sänger und Instrumentalisten (La Capella Reial de Catalunya, Le Concert des Nations) präsentierten bei den Salzburger Festspielen die »Madrigali guerrieri et amorosi«. (Foto: Marco Borelli)

Er ist unterdessen ein treuer Gast auch bei der Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele, und das ist sehr gut so. Jordi Savall gehört ja zu den Grandseig-neurs in der Szene der Alten Musik. Demnächst gilt es, einen runden Geburtstag zu feiern: Am 1. August wird Savall 80 Jahre alt.

In diesen Tagen bekommt man in Salzburg Tag um Tag große Musik zum Thema Pax serviert. Es sind wirklich fast alle Klassiker programmiert, die einem spontan einfallen, und dazu hat Savall natürlich auch beizutragen: Wo Friede ist, ist Liebe nicht weit und Krieg leider auch nicht. In Monteverdis prachtvollem Achten Madrigalbuch geht’s genau darum: Madrigali guerrieri et amorosi. Savall, seine Sänger und Instrumentalisten (La Capella Reial de Catalunya, Le Concert des Nations) ziehen mit diesen immens wirkkräftigen Stücken, Meilensteinen in der Musikgeschichte des Frühbarock, seit Jahrzehnten durch die Lande.

Das schier herzzerreißende Lamento della Ninfa oder der Furor, mit dem Tancredi und Clorinda im nicht minder berühmt gewordenen Combattimento auf-einander eindreschen – all das steht nicht dem Seelenheil entgegen, zu dem die Protagonisten zuletzt finden: »Der Himmel öffnet sich. Ich gehe in Frieden«, sind die letzten Worte, die Torquato Tasso der dahingemetzelten Clorinda in den Mund legt.

Gut für die Tonkunst, dass die Menschen in ihren letzten Lebensminuten mehrheitlich nicht die Engel singen hören, sondern ihnen eher das »Dies irae« in den Sinn kommt. Das sichert Dramatik. Auf dieser mit-telalterlichen Melodie hat Luigi Dallapiccola seine drei Canti di prigionia aufgesetzt. Das »Dies irae« schimmert stets durch in der feinen Instrumentation mit zwei Harfen, zwei Klavieren und einem luzid eingesetzten Schlagzeug, auch wenn der dichte Chorsatz viel Emotion transportiert. In diesen (lateinischen) Gesängen aus der Gefangenschaft melden sich Maria Stuart, Boethius und Girolamo Savonarola zu Wort. Alle drei sehen ihrer Hinrichtung entgegen und haben – zumindest mit sich und Gott – Frieden geschlossen.

Der äußere Anlass für diese drei Madrigalkompositionen Dallapiccolas: Mussolini hatte 1938 seine »Campagna razzile« erlassen, ein Edikt zur Ausgrenzung der Juden aus dem Gesellschaftsleben. Dallapiccolas Canti di prigionia sind ein Aufschrei dagegen. Eine sehr eindringliche Wiedergabe durch Cantando Admont und das Klangforum Wien unter Pablo Heras-Casado. Am Ende steht dann die Bitte um den Frieden, Da pacem Domine, in einem knappen Stücke-Konglomerat in Eilschritten vom Mittelalter (Gregorianik) über Gilles Binchois und Girolamo Parabosco bis zu Arvo Pärt. Da stand wieder Savall am Pult, und sein Dirigier-Kollege Heras-Casado gesellte sich zur Sängergruppe der Alttöner, die für Arvo Pärts so konzis und deshalb umso eindringlicher formulierte Friedensbitte mit Cantando Admont gemeinsame Sache machten. Pärt schrieb sein überwältigend-unprätentiöses »Da pacem Domine« 2004 für Jordi Savall. So ein Werk kriegt man als Musiker nicht jeden Tag.

Reinhard Kriechbaum

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