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Josef und Maria (Bernhard Teufl und Eva Schinwald) und dahinter Elisabeth Eder als Engel.
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Der Jaggerl (Edwin Hochmuth) mit den Hirtenkindern. (Fotos: Franz Neumayr)

Kein Schnee von gestern

Ach wären Maria und Josef doch bei den drei »Illegitimen«, also Außenseitern sogar der Hirtengesellschaft, geblieben. So hat man es bei einem kurzen gemeinsamen Picknick belassen, und die beiden sind doch noch aufgebrochen zur Volkszählung. Die Hirten bleiben vorerst Zaungäste...

»Schnee in Bethlehem«, die diesjährige Adventsingen-Produktion im Großen Festspielhaus, war zwar schon 2015 im Programm, aber die Geschichte und die Musik sind nun deutlich überarbeitet – eigentlich die Premiere eines neuen Stücks. Eine dem orientalischen Flair angepasste Fabulierlust ist nach wie vor prägend und drum hat die Erzählerin nicht wenig zu tun. Sie geleitet von Szene zu Szene, und da kann man, wie schon vor sieben Jahren, getrost auf einige für ein Adventsingen vermeintlich unverzichtbare Szenen verzichten.

Josef und Maria müssen nicht vergeblich an Türen klopfen, kein Wirt weist sie barsch ab. Auch die nahe liegende (vor)eheliche Auseinandersetzung ob der rätselhaften Schwangerschaft der Frau bleibt weg – Josefs begründete Bedenken hat der Engel zerstreut, der öfters mal aus der Kulisse hervortritt und den menschlichen Protagonisten eindringlich klar macht, dass hier göttliche Vorsehung, also Himmelswerk im Spiel ist.

Trotzdem, und das nimmt auch diesmal für diese Geschichte besonders ein: Die christliche Botschaft wird unterschwellig vermittelt und man geht nicht mit dem Gefühl hinaus, eine Extradosis Religionsunterricht konsumiert zu haben.

Vor allem aber ist dieses Adventsingen ein Fest fürs Ohr. Shane Woodborne, in früheren Jahren oft ein wenig geschmäcklerisch unterwegs in seinen Arrangements, hat eine sehr eigenständige, unverwechselbare, gar nicht eklektische Tonsprache gefunden. So kommt manch wohlvertrautes Volkslied in kunstvollem neuen Gewand daher, doppelchörig zum Beispiel oder mit ungewöhnlichen – und eben auch harmonisch eigenwillig gefassten – biblischen Texteinschüben. Überhaupt steht diesmal viel Bibeltext neben dem älplerischen Urlaut, und das ergibt gerade in dieser verbindenden Musik-Fassung eine einnehmende Mischung. Schnee in Bethlehem ist, wiewohl in der üblichen Balance aus Volksmusik und neu Komponiertem, tatsächlich ein schlüssiges »szenisches Oratorium«. Manche musikalische Wendung ist einfach unverschämt wirkungsvoll.

Es ist aufs Neue erstaunlich, was dem Salzburger Volksliedchor unterdessen zuzumuten ist. Herbert Böck hat wohl viel an der Intonation gefeilt und die Synchronisation der Ensembles läuft wie am Schnürchen. Über Stilfragen wird man immer diskutieren können. Beim Salzburger Adventsingen setzt man längst auf Perfektion, die sich mit einem traditionellen Zugang nicht so leicht in Einklang bringen lässt. Ein Stil, wie ihn Tobias Reiser einst von Singweisen wie jenen der Fischbachauer Sängerinnen entwickelt hat und für den bis in jüngere Zeit Vokalensembles wie die Walchschmied Sänger standen, ist passé. Der betörend-cleane Klang des Frauen-Trios CMM oder der präzis schlackenlose Ton, den das Vokalensemble Hohes C kultiviert, hat das Urige abgelöst. Entscheidend: Es wird unprätentiös gesungen, und das Zusammenwirken der Gruppen wirkt wie aus einem Guss.

Unprätentiös: Das ist überhaupt das Stichwort. Es gilt auch für die Regie von Gerda Gratzer. Da nimmt man Maria und Josef (Eva Schinwald, Bernhard Teufl) in ihrer ersten Szene die schüchterne, fast skrupulöse Annäherung ebenso ab wie das Zusammenfinden nach dem Eingriff des Heiligen Geistes ins junge Glück. Edwin Hochmuth als Hirten-Jaggerl gibt einen, wie man früher sagte, »Gezeichneten«. Solche wie ihn, Menschen mit körperlichen oder geistigen Defiziten, hat man früher tunlichst versteckt gehalten in den Bauernhöfen. Hier wird er mitgenommen, integriert, und das ist eine unaufdringliche Botschaft jenseits aller religiösen Ideologie.

Gerda Gratzer hat das fein umgesetzt. Das Bewegen der Hirtenkinder ist vielleicht nicht ganz ihre Sache. Man hat die Kinder schon spielfreudiger erlebt auf der Bühne. Dafür haben sie diesmal musikalisch besondere Meriten, als Instrumentalisten und beim Schleuniger und Pasch sowieso.

Betörend weich die Tenor-Höhen von Bernhard Teufl (Josef), zu dem der schlanke, leicht metallische Sopran von Eva Schinwald (Maria) gut kontrastiert. Ausgeprägt lyrisch die Stimmen von Elisabeth Eder (Engel) und Martina Gmeinder (Elisabeth). Da greift eins ins andere. Ein ganz besonderer Glücksgriff ist die (auch sangeskundige) Julia Leckner als Erzählerin. So schlicht und doch mit starker Ausstrahlung muss man das hinkriegen. Gewohnte Perfektion bei der Beleuchtung, und bei den orientalischen Gewändern hat Hellmut Hölzl wieder aus dem Vollen (und seiner einschlägigen Erfahrung als Leiter der Kostümschneiderei der Festspiele) geschöpft.

Die Premiere war die 1000. Aufführung beim Salzburger Adventsingen. »Schnee in Bethlehem ist bis 11. Dezember im Großen Festspielhaus zu sehen – Infos über Restkarten unter www.salzburgeradventsingen.at.

Reinhard Kriechbaum

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