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Im Widerstreit zwischen Nähe und Distanz

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Virtuoser Tanzreigen im Spiel von Nähe und Distanz: Sophie Schmid (vorne), Katherina Drost und Bertram Wolters. (Foto: Effner)

Wie leben wir als kontaktfreudige Menschen in einer Krise, die den Abstand als oberstes Gebot erfordert? Was macht körperliche Nähe mit uns und was passiert, wenn sie fehlt? Die Zeit des erneuten Teil-Lockdowns im Herbst belastet viele und macht die Situation gerade für Künstler noch prekärer als bisher. Mit der Tanzperformance »Ferne Haut« zeigte jetzt ein vierköpfiges Künstler-Kollektiv im Traunsteiner Vereinshaus eine be- und anrührende Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Lage.

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»Es musste einfach raus, gerade die Bewegung hilft bei der Verarbeitung«, schildert die Traunsteinerin Sophie Schmid ihre Situation. Die Ärztin lernte bereits früh in der Ballettschule am Taubenmarkt ihre ersten Tanzschritte. Während des Studiums in Würzburg und danach wirkte sie regelmäßig in einem Tanzensemble mit und bildete sich in Workshops zu Schauspiel und Tanztheater weiter. Nach der Rückkehr nach Traunstein im vergangenen Herbst lernte sie die ebenfalls tanzbegeisterte Katherina Droth kennen. Die Heilpraktikerin hat nach der Ausbildung beim international munich art lab in freien Produktionen mitgewirkt.

Die außergewöhnliche Situation während des Lock-downs brachte beide Tänzerinnen im Frühjahr auf die Idee, ihre Beobachtungen und Erfahrungen mit Nähe und Distanz in einer szenischen Tanzperformance umzusetzen. Als Dritter im Bunde stieß schließlich noch der schauspielbegeisterte Musiker Bertram Wolters aus Traunstein dazu. Der Träger des Jugendkunstpreises Brandenburg hat am Goetheinstitut Leipzig szenisches Schreiben studiert und wirkte als Mitglied im Theater Octopus Rosenheim und in Produktionen für Radio Regenbogen mit.

In dramatisches Licht getaucht, sorgte das Trio im Vereinshaus Traunstein mit skurril, erheiternd, tiefsinnig oder sehr dynamisch anmutenden Szenen für spannende Momente. Eigenwillig verdichtet wie in einem Laboratorium wirkte dabei die Atmosphäre durch die Gesichter mit Mundschutz, die coronabedingte Anordnung der Stuhlgruppen »auf Abstand«,

Trennlinien auf dem Boden sowie die umbaubedingte Verhüllung der Bühne durch Gerüst und Plastikplanen. Der Zuschauer wurde so Teil des Experiments. Mit Szenen von Käfern oder Insekten, die ungeordnet herumlaufen, sich bei Kontakt mit den Fühlern betasten, auf den Rücken fallen und wieder weiterflitzen, eröffnete das Trio den szenischen Tanzreigen. Immer ausgelassener, enger, bedrängender und fordernder gerieten die Figuren, bis zuletzt alle drei sich eng um-schlingend, drückend, kämpfend und niederringend fast die Luft zum Atmen nahmen. Die Assoziation der Kleinfamilie tauchte auf und deren »erdrückende« Situation auf engstem Raum bei Homeoffice und Homeschooling.

Virtuos setzte Sophie Schmid im wirbelnden Durcheinander Kontrapunkte konzentrierter Stille, indem sie in Ultra-Zeitlupe einen Sterbenden dahinsinken ließ bis zum Aufbäumen im letzten Atemzug. Erinnerungen an dramatische Szenen des coronabedingten Alleinseins und Sterbens auf der Intensivstation und Momente totaler Isolierung in den Alten- und Pflegeheimen stellten sich ein. Zwischendurch eingestreute Texte der Mitwirkenden eröffneten weitere Interpretationsräume.

An virtuelle Fluchtwelten und die sich aufs Digitale beschränkenden Kontaktmöglichkeiten wiederum erinnerte der virtuose Tanz von Handy-Displays im Dunkeln. Bertram Wolters zeigte mal hintergründig, mal dominant, wie sich mit breiten Klangteppichen, klagenden Melodien, Geräuschen wie aus der Herz-Lungen-Maschine, Klopfen oder Handy-Gedudel das Ausdrucksspektrum seines Akkordeons erweitern lässt.

Die Sehnsucht nach kuschliger Enge auf ausgelassenen Tanzpartys griff schließlich Julian Quel aus Ebersberg auf. In einer eigenständig konzipierten Zwischensequenz öffnete der Soundkünstler sein anfangs hinter Folie verborgenes Klanglabor auf dem Baugerüst. Ausgelassene Elektrobeats und ein sich mittels eingespielten Loops beständig vergrößerndes »Orchester« regte zum Mitwippen an – nur um dann abrupt abzubrechen. Wie Corona die zwischenmenschliche Kommunikation im Widerstreit von Sehnsucht nach Nähe und hygienebedingtem Sicherheitsabstand mit Maske stört, machte das Trio in einer lockend-neckischen Schluss-Improvisation deutlich. Axel Effner

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