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Die Ausstellung »So fern, so nah: Vachendorf in Quarantäne« in der Städtischen Galerie Traunstein bringt »ein Buch an die Wand«.Unser Bild zeigt Judith Bader (Leiterin der Städtischen Galerie, von links), Fotograf Alain Roux und Kulturreferentin Ursula Lay. (Foto: Benekam)

Im Fernen nah sein

Der Mensch neigt dazu, einschneidende Ereignisse aus der Vergangenheit, rückblickend in veränderter Weise in seiner Erinnerung abzuspeichern. Im Wandel der Zeit wird das Erlebte gefiltert, beschönigt, verdrängt oder verzerrt.

Bestes Beispiel dafür ist die Corona-Pandemie, die global und kollektiv alle traf. Und doch traf sie jeden anders. Schlagwörter wie Lockdown, Inzidenzen oder Kontaktverbot und damit einhergehende Emotionslagen, driften langsam in die Ferne und sind doch noch ganz nah: »So fern, so nah: Vachendorf in Quarantäne«, ist der Titel einer Ausstellung, die derzeit in der Städtischen Galerie Traunstein zu sehen ist.

Der in Vachendorf lebende französische Fotograf Alain Roux nutzte die Zeit des Stillstandes im öffentlichen Leben zu kreativem Schaffen. Er setzte ein Buchprojekt um, in dem er Fotografisches mit Text verknüpfte: Dazu befragte er Freunde, Nachbarn und Bekannte aus seinem Wohnort zu ihrer persönlichen Einschätzung und Stellungnahme zum Lockdown. Die so entstandenen Texte sind in ihrem Stil so unterschiedlich, wie Menschen aller Altersklassen eben sind. Sie reichen vom nüchternen Protokollstil über ein Haiku bis hin zur lustigen Erzählung und stellen ein dokumentarisches Zeugnis aus einer zuvor nie dagewesenen, surreal wirkenden Zeit dar.

Alain Roux‘ großformatige Porträtaufnahmen stellen den Erfahrungsberichten die entsprechenden Gesichter zur Seite – Menschen im Familienverbund oder Einzelpersonen vor ihrer Haustüre stehend, über Hecken oder Zäune blickend oder am Arbeitsplatz: »Es sind meine Bilder, es sind ihre Worte«, bringt Alain Roux die Essenz seines Buch- und Ausstellungsprojekts auf den Punkt und betont damit die Gleichwertigkeit von Bildern und Texten. Die Bilder von Roux sind Momentaufnahmen und auch die Textschöpfungen sind vom coronalen Zeitkolorit geprägt: Sie erzählen von gravierenden Einschnitten im beruflichen und alltäglichen Leben. Gewohnheiten wurden auf den Kopf gestellt und durch andere, neue ersetzt.

Ohne Kita und Schulbesuch blieb Zeit für gemeinsames Spielen, Lernen, Musizieren oder intensive Gespräche. Vom »Corona-Knock-Down« erzählt die fünfköpfige Familie Frank, deren Jüngster, der dreijährige Max wissen wollte, »ob heute wieder Corona ist«. Als Mama bejaht, schreit er »Juhu!«. Die vierköpfige Familie Maier freute sich: »Einfach nix miassn miassn. Auf oamoi wünscht ma si gengseitig ois Guade und Gsundheit«, während Sohn Martin (Student) der Familie Fischer schrieb: »Es war FAD! Keine Freunde treffen, kein Klettern, kein Bouldern, keine Vorlesungen an der Uni.«.

»Wie wirklich ist die Wirklichkeit?«, fragt Nina Langner in ihrem Text und »Worum geht es wirklich?«. Diese philosophischen Fragen mag sich wohl auch Alain Roux gestellt haben, als ihm im März 2020 in zweiwöchiger Quarantäne (nach Rückkehr aus der französischen Heimat) die Idee zu seinem Projekt in den Sinn kam. Aus dem Widerspruch, sich »So fern, so nah« zu sein zu können, erwuchs eines von vielen Mysterien der Coronazeit.

Das Projekt von Roux könnte als wert- und kunst- volle Vergangenheitsbewältigung gelten, wobei zu hoffen ist, dass sich dieses virale, immer noch nahe Schreckgespenst tatsächlich in die Ferne verabschiedet. In ihrer Einführung bezeichnete Judith Bader (Leiterin der Städtischen Galerie) die Bild-Text-Verknüpfung als »Interpretationen und Inszenierungen der Wirklichkeit«: »Erzählen stellt eine Ordnung her und schafft Zusammenhänge. Geschichten stiften Sinn – und gerade in Krisenzeiten und Ausnahmezuständen ist das Bedürfnis danach besonders groß.«, so Bader.

Auch aus diesem Grund passt die Ausstellung zum heuer zum vierten Mal stattfindenden Chiemgauer Literaturfest »Leseglück. Grenzenlos Literatur«, das in den nächsten Wochen an unterschiedlichsten Veranstaltungsorten mit Lesungen, Vorträgen und musikalischen Darbietungen an den Start gehen wird.

Kirsten Benekam

Die Ausstellung ist bis zum 19. Februar zu sehen. Öffnungszeiten sind jeweils Mittwoch bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr. Ein Ausstellungsrundgang mit der Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, findet unter dem Motto »Kunst am Morgen« am Mittwoch, 1. Februar, um 11 Uhr statt, Alain Roux begleitet den zweiten Ausstellungsrundgang am Sonntag, 19. Februar, um 15 Uhr.

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