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Großes Theater

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Die Schauspielerin Bettina Mittendorfer hat als erste Künstlerin nach monatelanger Corona-Zwangspause die Bühne des Trostberger Postsaals mit ihrem Programm »Mensch sein!« wiederbelebt. Mittendorfer würzte dieses zurückeroberte Stück Freiheit mit ihrer offenen und Menschen liebenden Art, in der sie so gar nicht »von oben herab«, sondern vielmehr auf Augenhöhe rezitierend, lesend, spielend, grimassierend und singend genau das in den Vordergrund stellte: Das wohltuend Menschliche, das heilsam Unspektakuläre und das beruhigend Unkomplizierte.


An ihrer Seite, ebenfalls singend, in kurzer Lesung und am Klavier begleitend, brachte sich Barbara Dorsch, sozusagen als ausgesprochen charaktervoller »Mit-Bühnen-Mensch« ein: Verstärkend und spiegelnd ergänzte sie Mittendorfer als ausdrucksstarke zweite Stimme, beleuchtete mit ihr das Ringelspiel des Lebens unterschiedlichster Pro-tagonisten aus der Literatur.

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Dass das »Leben immer anders ist, als es das Schicksal haben will«, spricht gewiss nicht nur aus den Texten von Oskar Maria Graf. Klanglich mit Gstanzln, Jodel- und Moritaten-Gesängen »verschärft«, sog das Postsaal-Publikum Mittendorfers literarisch-bairisches Spiel mit Texten von Lena Christ, Erich Mühsam, Georg Queri und Emerenz Meier bis tief in die Lungenspitzen ein. Häppchenweise und wohldosiert mischte sie Humoristisches mit traurigen Wahrheiten, tauchte in den Kosmos längst vergangener Tage ein, als wäre sie selbst einmal Teil davon gewesen, sezierte mit gekonntem Schnitt und in passendem Rhythmus samt sinnverstärkender Zäsuren bayerische Spitzfindigkeiten, dass es nur so schepperte und krachte. Die Protagonisten aus den Texten spielte sie allesamt selbst – wirklich großes Theater: das gütige, bettelarme alte Ehepaar Perivlat aus Oskar Maria Grafs »Das unrechte Geld« samt anwesender Dorfgesellschaft beim alljährlichen Kartenlegen. Das Schicksal der selbstbewussten Jung-Wirtin Wally: Spott über ihre Schwangerschaft und Mutmaßungen über den Kindsvater begegnet sie mit weiblicher Klugheit. Jeder der 16 untreuen Männer kann's gewesen sein. So sollen denn alle Alimente zahlen: Jeweils vier Mark als Mitgliedsbeitrag im »Theodorverein« z‘ Aching.

Den Gipfel darstellerischen Könnens brachte Mittendorfer an diesem Abend in einer Geschichte aus Grafs »Das bayrische Dekameron« auf die Bühne: Zwischen lustvoll-erotischem Stöhnen und gehauchten Liebesschwüren zweier sich Liebender im Stroh mischte sich das voyeuristisch angetörnte Gackern und Muhen der neugierigen Stallbewohner.

Lebensnah, aber doch sonderbar war ein Heiratsantrag, der Lena Christs Magd »Rumplhanni« vom Bauernsohn Simon gemacht wurde und der ihr letztlich ihren Lebenswunsch erfüllt: »A Haus, a Kuah und a Millesupperl in da Fruah.«.

Ob derb und krachert oder still und sacht in traurigeren Tönen – Gehör fanden sie alle an diesem Abend Kuchldirnen und Metzger, Landstreicher und Tagelöhner, »Honorige« oder ganz »einfache Menschen« – aber vor allem natürlich die so menschliche Schauspielerin. Dafür bedankten sich die Zuschauer mit einem herzlichen Applaus.

Kirsten Benekam

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