Glücksgefühle bei Beethovensonaten für Violoncello und Klavier

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Alle guten Dinge sind fünf: In zwei aufeinander folgenden Konzerten kamen die fünf Cello-Sonaten Beethovens in der Interpretation von Wen-Sinn Yang (Cello) und Dieter Lallinger (Klavier) im Kulturforum Klosterkirche zu Gehör. (Foto: Benekam)

Der liebe Sommer hat ja bekanntlich seine eigenen Töne und Melodien. Das Zirpen der Grillen, das Zwitschern der Vögel oder das leise Pfeifen, wenn der warme Wind durch ein Kornfeld rauscht. Besonders reizvolle Klänge können Musikbegeisterte jetzt beim »Musiksommer« zwischen Inn und Salzach erleben, der heuer mit 16 Konzerten über die Bühne geht.

Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) fanden nachgeholt zwei herausragende Konzertereignisse statt: Der Cellist Wen-Sinn Yang und der Pianist Dieter Lallinger spielten den Zyklus für Violoncello und Klavier, fünf Sonaten und drei Variationswerke in der Reihenfolge ihrer Entstehung im Kulturforum Klosterkirche Coronabedingt in zwei aufeinander folgenden Konzerten. Die Werke umschließen kompositorisch einen Lebensabschnitt Beethovens von 1796 bis 1815.

Die erwartungsfrohen Besucher erlebten eine spannende Reise durch die Entwicklung des großen Komponisten vom heiteren »Klassiker« bis zu dem zur damaligen Zeit irritierenden »Früh-Modernen«. Der 1965 in der Schweiz geborene Cellist Wen-Sinn Yang, mit taiwanesischer Abstammung führte mit teils persönlichen, teils interessanten Details aus der Musikgeschichte durch das Programm.

Klavier und Cello gleichwertig nebeneinander

So war die erste und früheste Sonate für die beiden Instrumente in F-Dur opus 5/1, geschrieben 1796, König Wilhelm II. von Preußen gewidmet, an dessen Hof Beethoven hoffte, eine Anstellung zu bekommen. Wilhelm II. war Hobbycellist, so dass Beethoven hier erstmals Klavier und Cello gleichwertig nebeneinander stellte. Leider hatten seine Bemühungen zu einer festen Stelle keinen Erfolg, wenn der König ihn auch reich entlohnte.

In der Musikgeschichte machte diese Komposition jedoch Furore: Der mit 64 Jahren damals vergleichsweise »alte« Joseph Haydn (1732 bis 1809) sei »total verstört« gewesen von dieser neuen Komposition des jungen Beethoven, der schon als Repräsentant der »Wiener Klassik« galt. Mozart (1756 bis 1791) war bereits seit fünf Jahren tot. In drei Sätzen spielten die beiden weltweit renommierten Musiker die Sonate – heiter, fröhlich in vollkommener Harmonie miteinander, und auch die beiden Instrumente »kommunizierten« bestens .

»Neuerfindung« Scherzo

Die folgende Sonate A-Dur opus 69, etwa elf Jahre später komponiert, hatte Beethoven, der in Wien geblieben war, seinem großen Förderer, dem Freiherrn Ignaz von Gleichenstein, gewidmet. Die sehr konzertante mittlere Sonate beginnt wie ein groß angelegter ausdrucksvoller Gesang, mündet jedoch nach kurzer Zeit in das schwungvolle Sonatensatz-Finale mit seinem spielerischen Tonleiter- und Figurenwerk und sich enorm steigernden Läufen. Neu erfunden hatte Beethoven – innerhalb der Sonaten-Komposition – das Scherzo, das es bis dahin hier nicht gegeben hatte, wie Wen-Sinn Yang erläuterte.

Die wiederum etwa sieben Jahre später, in 1815 komponierte Sonate C-Dur opus 102/1 ist Gräfin Marie von Erödy gewidmet, mit der Beethoven eine »Art Seelenverwandtschaft« verband, wie der Moderator erklärte. Die außerordentlich schwierig zu spielende Sonate enthält bereits alle wesentlichen Merkmale von Beethovens »Spätstil«, die Einbeziehung von Elementen der Polyphonie über weite Strecken hinweg. Es entsteht der Eindruck des fantasieartigen Experimentierens, was sich auch im häufigen Verwischen der Satzgrenzen zeigt. Enorm kraftvolle, rasend schnelle, sich steigernde Läufe wechseln mit zarten, einfühlsamen Passagen.

Überflüssig, vom nicht enden wollenden begeisterten Applaus des Publikums zu sprechen. Wunderschön waren dann als Zugabe die »7 Variationen in Es-Dur« über Mozarts Duett »Bei Männern welche Liebe fühlen« aus seiner Oper »Die Zauberflöte«. Die beiden Musiker wollten mit diesem Stück auch an den im Februar verstorbenen Cellisten Wolfgang Böttcher, einen engen Freund und Kollegen mit dessen Lieblingsstück erinnern.

Große Musizierfreude auch im zweiten Konzert

Dem Cellisten Wen-Sinn Yang und dem Pianisten Dieter Lallinger war die große Musizierfreude auch im zweiten Konzert anzumerken. Das Duo, das wurde mehr als deutlich, »versteht sich« prächtig, wodurch die aufgeführten Klanggenüsse zum superlativen Hörerlebnis wurden: Drei Werke standen im Programm des zweiten Konzerts des Beethovenzyklus, wobei die Sonate A-Dur op. 69 schon am Nachmittag zu hören war.

Eröffnet wurde mit der Sonate g-Moll op. 5/2. Gut, dass Beethoven ein Faible für das Violoncello hatte, denn durch seine Werke trug er entscheidend mit dazu bei, dass es sich seit dem 19. Jahrhundert als Soloinstrument durchsetzte. Der höchst brillante Klavierpart, mit dem sich der Pianist Beethoven selbst ins beste Licht zu setzen wusste, verhinderte es, dass dem Cello allzu viel Bewunderung zuteil kam. In beiden Sonaten sind zwei schnelle Sätze einer langsamen Einleitung vorangestellt.

Kraftvoll, oft vehement in klarer und expressiver Artikulation interpretiert das Duo den ersten Satz, das Adagio sostenuto ed espressivo: Anfangs noch vage in der Atmosphäre wird der Charakter nicht nur durch die kleine Tonalität bestimmt, sondern auch durch die punktierten Abwärtsskalen und Akkordfolgen. Dann, in Vorbereitung für das nachfolgende Allegro molto pié tosto presto, werden die Stimmung heiterer und der Ton selbstbewusster. Nahezu zärtlich mit zwei ruhigen Motiven geht der zweite Satz in ein energisch-ruppiges Hauptthema über. Der dritte Satz mit kapriziösem Rondo-Thema, kontrastiert in fröhlich-tänzerischer Stimmung zum ersten Satz, kommt als lustiger Tanz über Tastatur und Saiten daher.

Philosophische Themen genial vertont

Nicht weniger angetan waren die Kultursommerbesucher von der im Anschluss aufgeführten Sonate A-Dur op. 69, und mit der Sonate D-Dur op.102/2 für Violoncello und Klavier war der letzte Programmpunkt gefühlt viel zu schnell erreicht. Wie Wen-Sinn Yang mit Worten vorausschickte, werde in dieser dreisätzigen Sonate »nachdenklich über philosophische Themen gesprochen, welche am Ende in ein gemeinsames Glücksgefühl münden«. Und tatsächlich könnte man den Hörgenuss in den drei Sätzen Allegro con brio, Adagio con molto sentimento d’affetto und Allegro fugato nicht besser beschreiben.

Finale mit »Wums«

Eine großartige Komposition ist nichts anderes als eine »gut erzählte Geschichte« – eine Einleitung, eine möglichst detailreiche Ausschmückung des Hauptthemas – also Geschehnisse samt dazugehöriger Emotionspallette, dazu überraschende Seiten- oder Begleitthemen, Erzählpausen zur Spannungssteigerung, die sich mit Phrasen zur Entspannung abwechseln – und schließlich, nach anständiger Steigerung zum Höhepunkt, ein sattes Finale mit Wums.

Genau deshalb »versteht« sie auch ein jeder, der sich dieser Art Musik zu öffnen bereit ist. Im Kulturforum Klosterkirche hatte man zweifellos verstanden: Höchste Aufmerksamkeit, konzentrierte Stille, angespanntes Lauschen und Zuhören und meditatives Versinken in der Weltsprache Musik. Am Ende gab es Glücksgefühle auf beiden Seiten und für das fantastische Duo einen euphorischen Applaus. Die Musiker wiederum bedankten sich mit einer Zugabe, die sie dem im Februar dieses Jahres verstorbenen Cellisten Wolfgang Böttcher widmeten: Sieben Variationen über das Duett »Bei Männern welche Liebe fühlen« aus Mozarts Zauberflöte von Beethoven.

Christiane Giesen/Kirsten Benekam

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