Getanzte Weltliteratur zwischen Leidenschaft und Wahnsinn

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Von entflammender Liebe beseelt: Harriet Mills als Anna Karenina und Klevis Neza als Offizier Wronski. (Foto: Löffelberger/Landestheater)

Das Ballettensemble des Salzburger Landestheaters schafft ein Grand Jeté aus dem Nichts: Eine großartige Ballett-Uraufführung nach dem »harten« Lockdown. Im Mittelpunkt steht die ganze Gefühlspalette einer Ehebruchgeschichte aus dem 19. Jahrhundert: Lew Tolstois »Anna Karenina«.

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Sie gehört zu den tragischen Frauenfiguren der Literatur des Realismus und ist hin- und hergerissen zwischen Konvention und Leidenschaft, Pflicht und Ausbruch. Inspiriert von Tolstois epochaler Liebesgeschichte begab sich Ballettdirektor Reginaldo Oliveira in seinem neuen Handlungsballett auf die Reise zu einer der wichtigsten Frauen der Weltliteratur. Das Premierenpublikum reiste gerne mit, saß zeitweise wie paralysiert in den Sitzen, konnte des Sehens, Lauschens und Staunens kaum satt werden.

Gibt es so etwas wie einen Emotionsvorrat für gefühlsarme Zeiten? Wenn ja, dann hätte man sich hier die Säcke füllen können. Denn das 100-minütige Tanzereignis gibt, wenn auch stark in der Handlung heruntergekürzt, die Essenz von Tolstois Monumentalwerk wieder. Anna ist eine unglücklich verheiratete Frau, aber glückliche Mutter. Ihr Drama beginnt damit, dass sie sich in den attraktiven Offizier Wronski verliebt, sich folglich zwischen Familie (Ehemann Karenin und Söhnchen Serjoscha) und Leidenschaft entscheiden muss. Indem Anna sich für die Liebe entscheidet, »tanzt sie aus der Reihe«, büßt gesellschaftliches Ansehen und finanzielle Sicherheit ein, verliert den Sohn, leidet unter Ausgrenzung und scheitert letzten Endes auch in ihrer Liebe zu Wronski.

Im Gegensatz zu Tolstois Roman, an dessen Ende Annas Suizid steht, skizziert Oliveira in seinem Handlungsballett einen anderen, wenn auch ähnlich desolaten Ausgang: Anna verfällt dem Wahn. Traumhafte Ballszenen, verführerische Frauen in pastellfarbenen, leicht fliegenden Kleidern, elegante Edelmänner (Kostüme Judith Adam), empfinden Handlungszeit und -ort nach: Das Bühnenbild von Sebastian Hannak ist von schlichter Eleganz und großer Wirkung: Mobile Drehelemente, wenig Requisite, besonders eindrucksvoll ist ein versenkbarer, rechteckiger Raum, welcher die Ausgegrenztheit Annas versinnbildlicht.

Neben klassischem Bewegungsvokabular bereichert Oliveira seine Choreografie mit expressiven Bewegungsmustern, die in Ansätzen an die Arbeit von Pina Bausch denken lassen. Die narrativen Anteile seiner Choreografie sind immer stringent und klug durchdacht, kommen also im Sinne einer stets ästhetischen Bewegungsgestaltung ohne unnötige Verschnörkelung daher. Er braucht keine erklärenden Gesten oder pantomimischen Etüden, um unmissverständlich klarzustellen, was Sache ist.

A la bonne heure: Das ist Tanzkunst, die auch in der Musikauswahl (leider allerdings nur vom Band) zu den Szenen überzeugt: Kompositionen von Olafur Arnalds, Lera Auerbach, Frederic Chopin, Maurice Ravel, Alfred Schnittke, Dimitri Schostakowitsch geben den Tanzchoreografien den passenden Klangstrich, machen die Dramatik der Handlung »hörbar«. Anna Kareninas dramatischer, gesellschaftlicher und psychischer Absturz verhilft Harriet Mills mit tänzerischer Grandesse zu frappierender Authentizität: Sie spannt den Bogen von der zurückhaltenden, wohlerzogenen Dame und Mutter eines kleinen Sohnes bis hin zur einer emotional gebrochenen Frau.

Ihre Bewegungsattitüden wandeln sich: Zu Anfang edel, weich-fließend und himmelwärts gewandt im Adagio, ist sie von entflammender Liebe beseelt. Zurückhaltung und Gewissensbisse kosten sie Kraft, die ihr bald fehlt. Tief berührend, die Momente der Hingabe, des Verschmelzens mit Graf Wronski (Klevis Neza), die schließlich im angedeuteten Liebesakt ihren Höhepunkt findet. Ebenso anrührend, die »getanzte Mutter-Sohn-Liebe«: Verspielt, sich liebkosend und neckend – herausragend getanzt auch der Ausdruck von schmerzhafter Verzweiflung von Niccolò Masini als Sohn Serjoscha, als er erfährt, dass er seine Mutter nicht mehr wiedersehen darf.

Edel, aber angepasst, fast bemüht, in keinem Moment die Haltung zu verlieren, ist Annas Ehemann Karenin (Kammertänzer Flavio Salamanka) feste Säule des Abends. Offizier Wronski (Klevis Neza) als »Ehebrecher« pendelt zwischen leidenschaftlicher Anziehung und kühler Distanziertheit. Für ihn scheint Anna »leichte Beute« und für sie ist er »die große Liebe«.

Eifersucht, aufkommende Zweifel und Verlustängste treiben Anna in den Wahnsinn. Wie sehr ihre innere Zerrissenheit und Not sie vereinnahmen, offenbaren bizarr verzerrte Bewegungsabläufe, die wie wahnhafte Stereotypien anmuten. Ihr tänzerischer Ausdruck in Kombination mit teils stoischem, teils wirrem Gesichtsausdruck sind an Eindringlichkeit kaum zu toppen – alles in allem ein unbedingt sehenswertes Ballettereignis, für das es in Salzburg einen verdient euphorischen Schlussapplaus gab.

»Anna Karenina« ist noch am 24. Juni um 19 Uhr zu erleben. Weitere Infos unter www.salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam

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