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Der Bariton Konstantin Krimmel (links) interpretierte in Klavierbegleitung von Ammiel Bushakevitz »Die schöne Müllerin« im sechsten Konzert der Traunsteiner Sommerkonzerte. (Foto: Benekam)

Gefeiertes Comeback der »Schönen Müllerin«

Viel zu schnell war die Woche vorüber, in der die unterschiedlichsten Werke kammermusikalischer Kostbarkeiten im Rahmen der Traunsteiner Sommerkonzerte die Besucher im Kulturforum Klosterkirche erfreuten. Im vorletzten Konzert war den anwesenden Klassikliebhabern ein weiterer Höhepunkt vergönnt: Bariton Konstantin Krimmel interpretierte in Klavierbegleitung von Ammiel Bushakevitz »Die schöne Müllerin« op. 25, D 795 von Franz Schubert.

Es birgt zugleich Risiko und Chance, sich der im Laufe der letzten 50 Jahre aus der Mode geratenen Gattung Kunstlied zuzuwenden. Das Kunstlied hat es dieser Tage sicherlich ähnlich schwer wie die Lyrik. Es wird nicht mehr gesungen in den Familien, es wird selten vorgelesen oder gar Gedichte auswendig gelernt. Wer aber in den Genuss eines Liederabends kommt wie beim sechsten Sommerkonzert, dem stellt sich unweigerlich die Frage, warum. Da muss unfassbar viel sensible Feinarbeit, Empathie-Fähigkeit und musikalische Brillanz dahinterstecken, damit ein Werk dieses Formats dermaßen authentisch zum Zuhörer durchdringt. Vielleicht ist es genau das, was unserer Gesellschaft sehr guttäte.

Was Konstantin Krimmel in kongenialer Begleitung von Ammiel Bushakevitz dem faszinierten Publikum zu schenken hatte, war weit mehr als »nur« virtuose Musik und somit ein Fingerzeig auf das, was das Kunstlied vermag. Franz Schuberts Liederzyklus »erzählt« die Geschichte eines jungen Müllersburschen auf Wanderschaft. Der junge Mann schraubt sich in krankhafte Wunschvorstellungen einer nicht erwiderten Liebe: Vom rauschhaften Liebesglück der ersten Begegnung spannt sich der dramaturgische Bogen über zwanghaftes Gedankenkreisen bis hin zur Todessehnsucht. Ein aus der Ich-Perspektive erzähltes Psychogramm eines Liebeskranken, voller Metaphern und lyrischer Stilmittel, welches Schubert 1823 kunstvoll zu Musik gemacht hat.

Die zu Grunde liegenden Gedichte stammen vom romantischen Dichter Wilhelm Müller aus dem Jahr 1821. Konstantin Krimmel steht, mit offenem, dem Publikum zugewandtem Blick, am Klavier. In intensivem, stets engem Austausch zu Bushakevitz »atmet« er die den Liedern zu Grunde liegenden »Themen« – eine Emotion bestimmt jeweils ein Lied, das in dazu passender Tonart verstärkende Wirkung erfährt: Aufkeimende Liebe, von zaghaftem Zweifel durchdrungenes Sehnen, ausuferndes Idealisieren, Ungeduld, »Gefühlsduschen«, die zwischen Hoffen und Bangen chargieren, bis schließlich die (nach innen gelebte) Liebesgeschichte kippt und sich, mit Emotionen wie Eifersucht und Wut, langsam Verzweiflung breitmacht (die schöne Müllerin hat einen anderen Liebhaber), die schließlich in Todessehnsucht abgleitet.

Das letzte Lied, »Des Baches Wiegenlied«, ist tieftraurig aber trotzdem Hoffnung spendend: »Gute Ruh, gute Ruh! Wandrer, du müder, du bist zu Haus.« und »Der Himmel da oben, wie ist er so weit!«, um einige Textfragmente zu zitieren, legte sich wie ein zarter Schleier über die Konzertbesucher. Mit Wohlklang und Schmelz »durchwanderte« Konstantin Krimmel in grandioser Begleitung von Ammiel Bushakevitz Schuberts Lieder-Zyklus und nutzte somit das Risiko zur Chance, rückte ins Rampenlicht, was es verdient hat: Das einst populäre Kunstlied erlebte ein Comeback im Kulturforum Klosterkirche.

Nach euphorischem Applaus der Besucher gab es als Zugabe »An den Mond« D 193 - Opus 57 / 3 von Franz Schubert mit Text von Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748 bis 1776).

Kirsten Benekam

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