Für Bayern und gegen die CSU

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Zuerst in Traunstein und dann gleich auf dem Weg nach Reit im Winkl ans Grab von Maria Hellwig war Kabarettistin Luise Kinseher. (Foto: Heel)

Sie kam, sah und beschwerte sich. Nein, nicht über Markus Söder & Co. Das folgte noch, und zwar ausgiebig.

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Aber im Einstieg als stets frustrierte, aber bayernliebende Hamburger Hausfrau Helga Freese, die im Trenchcoat und mit übellaunigem Gesichtsausdruck über ihren 88-jährigen Ehemann Heinz herzog, nahm sie auch das »von Sehenswürdigkeiten nicht gerade erschlagene« Traunstein aufs Korn. Das Publikum im voll besetzten König-Ludwig-Hof der NUTS-Sommerbühne nahm es gelassen, zumal die Dame nur auf der Durchreise war. Ihr nächstes Ziel: das »Taj Mahal von Reit im Winkl« bzw. das Grab von Maria Hellwig.

Mit der Frage, ob sich jemand in letzter Zeit einen Hund angeschafft habe, um der coronabedingten Einsamkeit zu entfliehen, trat die Kabarettistin dann als Mamma Bavaria in ihrer mittlerweile siebten Rein-karnation an. In Tracht und Blümlein am schicken Hut und sonnig lächelnd. Und wundert sich sogleich über die vielen, neuen Söder-Fans. »Wie konnte das passieren? Bei einem Mann, der bisher nur einen Baum zum Freund hatte! Dabei wollten seinerzeit doch viele Leute auswandern, sollte er Ministerpräsident werden.« Alles vorbei und vergessen und befördert von einer CSU, die sich bei vollem Bewusstsein im Delirium befinde.

Da kommt sie nach einem Abstecher zu den alten Römern und anderen Vorfahren lieber auf unsere schöne bayerische Heimat zu sprechen, obwohl auch hier Traditionen verloren gingen (Schweinsbraten mit Ingwer und Semmelknödelteiglinge aus Polen) und die Natur zunehmend von einem Schädling namens Flächenfraß bedroht sei: »Der Flächenfraß nistet hierzulande im Schmiergeld und wird über Landräte und Bauherren weitergegeben.« Aber auch über ihr Abbild an der Theresienwiese ärgert sie sich: »Wie ich aussehe! Wie die Mutter der Simpsons!«, und darüber, dass es die Bayern nur ansatzweise zu einer Königin gebracht hätten.

Spielerisch eingebunden in diese zuweilen etwas fahrige Mixtur aus scharfsinnigen Beobachtungen und vergnüglichem Derblecken werden auch ein paar Zuschauer, die Luise Kinseher nach Sternzeichen, Tätigkeit und Beziehungsstatus befragt, wobei sie einen gewissen Florian, der als Beruf Raketenforscher angibt, besonders lieb gewinnt.

Wieder einmal umwerfend komisch gerät auch ihr Auftritt als »Mary from Bavary«, der singenden Alkoholikerin im hellblau blümeligen Morgenmantel, die uns mit schwerem Zungenschlag erklärt, warum überall auf der Welt Rührei zum Frühstück serviert werde: »Es gibt einfach zu viele Hühner.« Oder warum »die Weißwurst ein wunderbarer Tofu-Ersatz ist – wenn man kein Vegetarier ist.«

Selbst musikalisch wird Luise Kinseher aktiv und schmettert unter anderem Luigi Denzas »Funiculi, Funicula« in den lauen Sommerabend, hier allerdings mit dem Nonsens-Text der Hot Dogs – »Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser.« Entsprechend großartig unterhalten fühlte sich das Publikum, das folglich nicht mit kräftigem Applaus sparte, als sich die Kabarettistin nach gut 90 Minuten verab-schiedete.

Wolfgang Schweiger

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