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Frühlingsgefühle im Herbst

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Aufgestaute Musizierleidenschaft im Eröffnungskonzert des Chiemgauer Musikfrühlings: Diana Ketler (von links, Klavier), Razvan Popovici (Viola), Erik Schumann (Violine) und Justus Grimm (Violoncello). (Foto: Benekam)

Es ist ein wirklich mehr als ungewöhnliches Jahr. Mit all seinen »Unbequemlichkeiten« und »Verzichten« bringt es uns immer wieder an unsere Grenzen und lehrt, in vielerlei Hinsicht, das Umdenken.


Razvan Popovici, Festivalleiter des Chiemgauer Musikfrühlings, steht im frisch renovierten Kulturforum Klosterkirche Traunsteins und kündigt lachend zum ersten Mal eine Herbstausgabe des Chiemgauer Musikfrühlings an. Der Grund der jahreszeitlichen Verlegung des seit inzwischen 17 Jahren an unterschiedlichen Orten im Chiemgau stattfindenden Festivals für klassische Musik muss nicht extra genannt werden. Es ist derselbe Grund, der die Musiker an diesem Abend vor lauter Musizierfreude beinahe hätte platzen lassen.

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Die aufgestaute Musizierleidenschaft nach dem langen »Konzertierverbot« traf die Musikliebhaber in der gut besuchten Klosterkirche mit voller Wucht und heilsamer Wirkung. Fünf Interpreten – Diana Ketler (Klavier), Razvan Popovici (Viola), Erik Schumann (Violine), Justus Grimm (Violoncello) und Thorsten Johanns (Klarinette) verwöhnten ihre Zuhörer mit drei ihrer Lieblingswerke, die das Herbstlaub in frühlingshaften Farben erstrahlen ließen: Das Klavierquartett in Es-Dur, KV 493 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791), das Quartett in D-Dur, op. 7 für Klarinette und Streichtrio von Bernhard Henrik Crusell (1775 bis 1838) und das Klavierquartett in Es-Dur, op. 47 von Robert Schumann (1810 bis 1856).

Kurz nach der Beendigung von »Figaros Hochzeit« entstand 1786 Mozarts zweites Klavierquartett in Es-Dur, KV 493. In seinem poetischen Ausdruck ist die Nähe zur Oper spürbar. Mozart schuf damit ein anspruchsvolles Stück, das Klavier und Streichergruppe gleichwertig und dialogisch gegenüberstellt und eine verschwenderische Fülle an Themenverarbeitungen aufweist. Das dreisätzige Werk geht weit über übliche kammermusikalische Form- und Motivverarbeitungen hinaus und eint innigste Momente lyrischer Themen mit schwungvoll-virtuosen Passagen. Ein höchst originelles, komplexes Werk mit Tiefgang und bewundernswerter Vielfalt des Ausdrucks, dem die vier Musiker in der Klosterkirche mit spürbarer Demut begegneten. Schnell waren die Zuhörer im Wohlklang glanzvoller Interpretation und harmonischen Zusammenwirkens »verhaftet«.

Zeit- und weltvergessen reckten die Konzertbesucher beim Erklingen von Crusells Quartett in D-Dur op. 7, einem der hochkarätigsten Werke in der Klarinetten-Kammermusik, die Hälse noch ein Stückchen länger. Der Charme der melodischen Erfindung des viersätzigen Werks kontrastiert auf beeindruckende Weise mit der perfekten Satztechnik. Frisch, konzentriert, hoch virtuos und tief in der Leidenschaft der unmittelbaren Kommunikation, um die es in der Kammermusik geht, versunken, brachten die vier Musiker ihre Zuhörer zum Schwärmen. Blickkontakt, hin und wieder ein Lächeln, dann hochgezogene Augenbrauen und ein beinahe tänzerischer Körpereinsatz machten Crusells Werk in dieser Interpretation zu einem Erlebnis der Superlative.

Dann kam Robert Schumanns Klavierquartett in Es-Dur, op. 47 – alle wirklich guten Dinge in diesem Eröffnungskonzert waren drei. Und es sind gewiss nicht nur die Lieblingsstücke dieser Musiker. Schumanns Es-Dur-Klavierquartett ist eine wahre kammermusikalische Schmachtnummer. Besonders der dritte Satz, das Andante cantabile, stellt eine echte Bedrohung für alle Gletscher dar: Es lässt jedes Eis dahinschmelzen, ist herzbewegend und von zauberhaft einfühlsamer Klangeleganz. Und genau in dieser Weise wussten es die Musiker des Chiemgauer herbstlichen Musikfrühlings zu interpretieren, wie auch die beiden zuvor gehörten Werke. Eine wirklich reife Leistung aller.

Kirsten Benekam

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