Frauengeschichte im Mittelpunkt

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Christiane und Christian Tramitz lasen in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS von Geschichten, die das Leben schreibt. (Foto: Ortner)

Lesung in der Kulturfabrik NUTS: Autorenehepaar Tramitz über bewegte, dramatische und arbeitsreiche Frauenleben


Zum nunmehr dritten Leseabend gastierten Christiane und Christian Tramitz in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. Erneut trugen sie Passagen aus dem biografischen Roman »Harte Tage, gute Jahre« vor. Ein besonderes Augenmerk richteten sie jedoch auch auf den soeben erschienen Krimi »Das Dorf und der Tod« basierend auf einer wahren Begebenheit.

Mit geschickt ausgewählten Stücken, etwa der »Fantasie« von Joseph Haydn und dem »Concerto in c-moll« von Carl Philipp Emanuel Bach, untermalte, bereicherte und forcierte Michael Melcher am Cembalo die Stimmung zwischen den Kapiteln. Das Instrument aus feinem Ahorn wurde eigens für den Abend aus dem Achental nach Traunstein transportiert.

Im »goldenen Dorf« geschieht 1995 ein Mehrfachmord. Der Mörder begeht anschließend Suizid. So die einleitende Erläuterung von Christiane Tramitz. Die wahre Begebenheit habe sie inspiriert nach dem Drama, den Ursachen die dahinter stecken, zu recherchieren. Herausgekommen ist ein spannender Krimi, eine Tragödie, die ihren Anfang schon zwei Generationen früher, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ihren Anfang nimmt und über die Generationen hinweg Schatten wirft und Feindschaft aufrechterhält.

Wo die meisten Kriminalgeschichten mit dem Verbrechen beginnen und Fakten, Beweise und Indizien rückwärts zu Motiv und Täter führen, stellt Christiane Tramitz den Auslöser an den Anfang. Die heimliche, weil nicht standesgemäße, Liebschaft der Großbürgerstochter Vroni Zingsmayer mit dem Bäckergesellen Lenz Binder. Als die minderjährige Vroni von ihm schwanger wird nimmt die Tragödie ihren Lauf. Vronis Ruf ist ruiniert und sie wird zur Strafe an einen alten »greisligen« heiratswilligen Bauern verschachert. Ihr Kind muss auf dem elterlichen Hof zurückbleiben, jedes Recht am kleinen Buben wird ihr abgesprochen. Der neue Ehemann hält seine Frau wie eine Sklavin, lässt sie schuften bis zum Umfallen. Als sie schwanger wird graut ihr vor dem kleinen Leben das da, in Ekel und Ablehnung gezeugt, in ihr heranwächst.

Es sind die klassischen Themen und Dramen wie man sie auch von Ludwig Anzengruber, Ludwig Ganghofer und Lena Christ kennt. Standesdünkel, Bigotterie, Scheinheiligkeit und die Verachtung und Geringschätzung der Frauen, die den Männern unterworfen und von ihnen abhängig sind. Auch wenn nicht alle solcher Vorkommnisse in Mord und Totschlag enden, darf man sicher diesen »wahren Krimi« auch stellvertretend für die Untaten sehen, die im wahren Leben keine Stimme bekommen haben.

Mit der autobiografischen Erzählung vom Leben der berühmten Oberkaser-Mare waren Tramitz & Tramitz bereits mehrfach zu Gast im NUTS, sodass sich Christiane Tramitz entschlossen hatte, auch auf die emotionalen Schlusskapitel des Buches einzugehen. Die Oberkaser-Mare wird alt, Körper und Geist verfallen immer mehr. Es fällt ihr zunehmend schwerer sich selbst zu versorgen. Auf den benachbarten Almen hilft sie eh schon lange nicht mehr. Ein Pfleger kommt mehrmals wöchentlich zu ihr auf die Alm. Was er genau macht und was er von ihr will versteht die Mare nicht immer. Zudem kann sie sich einfach sein Gesicht nicht merken. Der Pfleger wird zusehends genervter und sagt die Zustände da heroben seien untragbar und sie müsse hinunter ins Dorf und in ein Heim, damit sie ordentlich versorgt werden könne.

Eine Riesendiskussion entsteht unter Familie, Behörden, Gemeinderat und viele andere wollen auch noch mitreden. Zudem lauert wohl schon ein Nachbar auf die Übernahme der Alm. Doch die Oberkaser-Mare bleibt standhaft. Unglaublich viel hat sie schon erlebt und aushalten müssen. Ein Freigeist war sie. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Unabhängig und mutig und stark hatte sie ihr arbeitsreiches und oft beschwerliches Leben auf der Oberkaser Alm gemeistert, war eine gute und beliebte Gastgeberin für alle Besucher und Wanderer. Und jetzt sollte ihr der letzte Rest von Freiheit und Selbstbestimmung genommen werden nur weil Körper und Geist nicht mehr ganz so gut funktionierten wie früher? Die Mare und ihre Befürworter haben sich letzten Endes durchgesetzt. Nach über 70 Jahren Arbeiten und Leben in luftiger Höhe ist sie 2017 auf ihrer geliebten Alm sanft entschlafen. Drei Jahre hat Christiane Tramitz die Mare immer wieder auf der Alm besucht und ihr mit dem Buch sowie einer elfminütigen Film-Dokumentation ein Denkmal geschaffen. Maria Ortner

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