Flexibilität und positive Einstellung auch in unsicherer Zeit

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Matthias Schulz, Staatsoper Berlin. (Foto: Buenning) Foto: Pascal Bünning, Pascal Buenning

Matthias Schulz, in Bad Reichenhall aufgewachsen, seit 2016 an der Berliner Staatsoper tätig, seit 2018 als alleinverantwortlicher Intendant, wird das Haus Unter den Linden weitere vier Jahre bis 2024 leiten. »Ich bin überzeugt, dass er der Richtige ist, die Staatsoper auch weiterhin mit Geschick und der gebotenen Weitsicht zu führen«, verlautbarte der Berliner Kultursenator Klaus Lederer zu Vertragsverlängerung. Wir gratulieren herzlich dazu und im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Elisabeth Aumiller gab Matthias Schulz Auskunft, wie er in der Staatsoper mit dem Lock-down und den Planungsunsicherheiten zurechtkommt.

Herr Schulz, zuerst eine private Frage: Werden Sie Weihnachten mit Ihrer Familie bei Ihren Eltern in Bad Reichenhall verbringen?

Schulz: Wenn es irgendwie geht, ja. Von Berlin aus genieße ich bei jedem Besuch noch mehr als früher die heimischen Berge, die ganze Schönheit und die Vorzüge dieser Gegend.

Wie empfinden Sie gegenwärtig die Situation und die Stimmung in der Staatsoper?

Es ist niederschmetternd, wenn alles so jäh unterbrochen wird, wie das hier während der Proben passiert ist. Wie hätten jetzt im November die Barocktage gehabt mit einer Opern- Premiere, zwei Wiederaufnahmen und 15 Konzerten. Gerade bei diesem Festival waren viele freischaffende Künstler engagiert, die es besonders hart trifft. Manche hadern damit, andere macht es traurig, aber das Virus ist der Gegner und so wird dem Willen zur Gesundheit auch Verständnis entgegengebracht. Dennoch möchten wir jede Chance nutzen, öffentlich zu spielen und sind darauf vorbereitet.

Lässt sich die geplante Saison ohne Weiteres verschieben oder muss neu geplant werden?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Fälle, die man langfristig verschieben muss, wie etwa das russische Drama »Chowanschtschina« um zwei Jahre, »Idomeneo« hoffen wir, im Januar nachholen zu können und für den im Dezember geplanten »Lohengrin« haben wir eine spielbare Form gefunden und möchten ihn in Partnerschaft mit ZDF/Arte im Dezember unbedingt zur Fernsehübertragung bringen, um zu zeigen, dass wir da sind.

Sind die Streaming-Angebote jetzt eine Notlösung oder auch künftig ein wichtiges Medium?

Streams sind bereits jetzt eine wichtige Zusatzgröße. Deshalb waren wir auch im März in der Lage über zwei Monate einen fast täglichen digitalen Spielplan zu erstellen, aber ein gleichwertiger Ersatz werden sie nie sein, denn Musik entsteht im Raum, Musik braucht das unmittelbare Erleben, das sinnliche Erfahren. Dauerhaft ist es auch nicht richtig, dass die Streams frei angeboten werden, jetzt während Corona ja, aber am Ende stehen zu große Werte dahinter. Auch wenn wir uns so stark wie möglich verbreiten möchten, muss sich da noch eine Balance einstellen. Mehr Qualität ist notwendig, Qualität muss vor Quantität angesagt sein. Es muss sorgfältig ausgewählt werden. Auch eignen sich viele Opern nicht zur Fernsehübertragung und es ist unerlässlich, dass eine gewisse Dynamik in der Kameraführung zu sehen ist, damit sich die Qualität von hochwertigen Opernaufführungen bestmöglich entfalten kann.

Wie sehen Sie die Zukunft für Musik und Kultur?

Ich hoffe sehr, dass die Gesellschaft großes Herz auch für die Kultur beweist und sich bewusst wird, das man Gefahr läuft, dauerhaft zu verlieren, nämlich eine reiche Kulturlandschaft. Es besteht eine große Gefahr, dass diesbezüglich Strukturen dauerhaft kaputt gehen, auch dass junge Menschen, die ein Musik- oder Kunststudium anstreben, sich lieber nach sichereren Varianten umsehen. Die Folgen können wir jetzt noch gar nicht abschätzen, die werden sich erst in fünf bis sieben Jahren zeigen. Aber eine gewisse Fokussierung wird es geben müssen, etwa weniger Reisen von Orchestern, mehr Nachhaltigkeit an einem Ort als vielerorts unterwegs zu sein. Auch wird wieder mehr Aufmerksamkeit auf Ensemblepflege an Opernhäusern zu legen sein, eine Besinnung auf anwesende Kräfte.

Ich hoffe sehr, dass die Dinge ab Mitte nächsten Jahres wieder einigermaßen ins Lot kommen. Die Unsicherheit ist Gift für die Opernplanung. Normalerweise plant man drei bis vier Jahre im Voraus. Aber im Moment ist man froh um jede Woche, in der man überhaupt spielen kann. Es hat aber auch seine positiven Seiten, den Blick ganz auf die Gegenwart zu richten und zu zeigen, wie flexibel der Betrieb sein kann.

Wir legen Wert auf eine optimistische Einstellung und möchten jede Chance, vor Publikum zu spielen, nutzen. Es bleibt zu hoffen, dass wir in der Saison 21/22 mit kleinen Abstrichen wieder in einen reibungslosen Ablauf zurückkehren können.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der Hoffnung, dass Sie wie auch alle anderen Theater zeitnah wieder die Türen fürPublikum öffnen können.

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