weather-image
12°

Feuerwerk aus Variationen entzündet

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Diana Ketler (Klavier), Erik Schumann (Violine), Razvan Popovici (Viola) und Justus Grimm (Violoncello) bekamen im Festsaal einen Riesenapplaus. (Foto: Benekam)

»Frühlingsglaube« ist das Motto der 17. Auflage des Chiemgauer Musikfrühlings, der in den Herbst verlegt werden musste.


Dem wunderbar gestalteten Programmheft ist zu entnehmen, dass die Interpreten die Hoffnung nicht aufgeben wollten, dass dieses alljährlich an unterschiedlichen Orten des Chiemgaus stattfindenden Festivals für Klassische Musik auch heuer über die Bühne gehen kann. Da versetzte der Glaube nicht Berge, sondern Konzerte in eine andere Jahreszeit. So können Diana Ketler (Klavier), Erik Schumann (Violine), Razvan Popovici (Viola), Justus Grimm (Violoncello) und Thorsten Johanns (Klarinette) heuer tatsächlich noch, wenn auch in reduzierter Form, konzertieren und somit den eigenen Wunsch und den der vielen Freunde klassischer Musik zur klangvollen Erfüllung bringen.

Anzeige

Das dritte von heuer nur fünf Konzerten fand unter dem Titel »Gassen und Brücken« im Festsaal des Kultur- und Bildungszentrums Kloster Seeon statt. Bei der Werkauswahl der »herbstlichen Musikfrühlingskonzerte« haben die fünf Musiker, wie Festivalleiter Razvan Popovici sich ausdrückte, auf »Herzensstücke« gesetzt. Eine gute Idee, die auf entsprechend positive Resonanz stieß.

Schon das erste Werk der sonntäglichen Matinee, die Sonate für Klavier und Violine in F-Dur, op. 24 von Beethoven (1770-1827), die »Frühlingssonate«, ließ im besten Wortsinn im Festsaal die Sonne aufgehen. Bereits die Anfangsmelodie der Geigenstimme, gesanglich und fließend, weckt Frühlingsgefühle. Ihre zart blühende Melodik und der schwärmerische Gestus des Hauptthemas sind Charakteristika, welche die ganze viersätzige Sonate durchziehen. Gelegentliche Stimmungseintrübungen lassen frühlingshaften Regen mit Windböen assoziieren: Ein Meisterwerk, in ebenso meisterlich virtuoser Interpretation.

Rebecca Clarke (1886 bis 1979) war eine der besten Bratschisten ihrer Zeit und eine geschickte Komponistin. Ihre Stücke sind brillant und kraftvoll. Davon bekamen die Zuhörer im Festsaal eine sehr lebendige Kostprobe. Die zwei Stücke für Viola und Violoncello »Lullaby« und »Grotesque« sind zwei kontrastierende Sätze: Während der erste Satz die Süße und Sanftheit eines Wiegenliedes aufweist, kommt der zweite Satz schräg-dissonant – eben grotesk daher.

Weiter ging es mit vier Bagatellen für Klarinette und Klavier, op. 23 von Gerald Finzi (1901 bis 1956): Das ein- und thematisch hinführende »Prelude«, die lieblich melodische »Romanze«, das liedhafte »Carol« und die kleine Fuge »Fugetta« – alles in allem, ein selten genossener Ohrenschmaus, in den die beiden Interpreten ein verschwenderisches Maß an Emotion hineinlegten und somit die Zuhörer beglückten.

Als kostbares Juwel der englischen Kammermusik lässt sich das »Phantasy Klavierquartett« von Frank Bridge (1879 bis 1941) in Kurzform beschreiben. Seine in Tempo und Charakter kontrastierenden Abschnitte werden in den Rahmen eines einzigen großen Bogens integriert. Einer Einleitung im bewegten Andante-Tempo folgt ein Allegro vivace, das am Ende wieder in ruhige Gefilde zurückgeführt wird. Dieser besänftigende, ruhige Schluss nach dem fast furiosen und spannungsgeladenen Allegro vivace gilt als eine der schönsten Passagen englischer Kammermusik.

Mit Beethovens »Gassenhauer-Trio« drohte dann auch schon das Ende einer genussvollen Matinee klassischer Musik. Den Beginn des würdevollen Kopfsatzes des Klaviertrios in B-Dur, op. 11 zeichnet ein demonstrativ geschlossenes, nach oben strebendes und dann abrupt abfallendes Unisono. Es verblüfft den Zuhörer, wie gesanglich und doch völlig unterschiedlich der Ton von Klarinette und Cello wirken kann. Der schwärmerische zweite Satz erfordert Kondition und feinste Tonabstimmungen zwischen Klarinette und Cello, die oft im Einklang musizieren, während das Klavier einen wahren Berg an Noten subtil im Hintergrund zaubern muss. »Namensgeber« des Trios ist das Finale: Ein ohrwurmartiges Thema aus der Oper »L’ Amour Mariano« von Joseph Weigl, die zu Beethovens Zeit in Wien bekannt war und auf den Gassen gesungen und gepfiffen wurde.

Es war ein grandioses Feuerwerk aus Variationen, das die Interpreten im Festsaal entzündeten. Mit dem klassischen »Gassenhauer« war die letzte Brücke zum Publikum geschlagen. Mit einem verdient frenetischen Applaus verabschiedeten sich die Zuhörer von den überglücklich wirkenden Musikern. Schöner geht’s nicht. Kirsten Benekam

Mehr aus Kultur aus der Region