Erfrischt, bereichert und befreit

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Rhythmische Ergüsse, kollektives Fallenlassen, infizierende Euphorie: Das Leo Betzl Trio verursachte im k1-Studio Techno-Fieber. (Foto: Benekam)

Von innen nach außen und wieder zurück nach innen. Vom Einen zum Andern und vom Vereinen der Andern zu einem gemeinsamen Rhythmus. Musik »macht« was mit dem Menschen. Oder hat Musik »Macht« über den Menschen?

Für die fast hypnotisierten k1-Besucher, die sich in den Reihen des Traunreuter k1-Studios den musikalischen Machenschaften des Leo Betzl Trio (LBT) schier willenlos ergaben, schien genau dies zuzutreffen. Dass Musik etwas mit ihnen machte, stand genauso wenig in Frage wie ihr willenloses Hingeben – eine etwas andere Art von Liebe, könnte man weiterphilosophieren: »Lebendiger Techno. Rein akustisch erzeugt, auf Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, ohne Computer oder Synthesizer – von lyrisch bis minimal, von deep bis industriell in facettenreichem und spannendem Sound«, war leicht untertrieben im Programm angekündigt.

Da kam ein Lebensgefühl auf, das schmerzlich vermisst wird und das sich nun im k1-Studio Bahn brach. Rhythmische Ergüsse, kollektives Fallenlassen, infizierende Euphorie in aufregenden Klangreisen zwischen technoider Musik auf analogen Instrumenten und all das ohne stilistische Enge: Leo Betzl am Piano, Maximilian Hirning am Kontrabass und Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug – das waren die Klangtäter, die den scheinbar ausgehungerten Zuhörern in satten Dosen genau das substituierten, was zum besseren Wohlgefühl verhalf. Wie formidable akustische Instrumente und elektronische Musik zusammengehen, hat das dem Modern Jazz entspringende Klaviertrio LBT mit seinem Techno-Debüt »Way Up in the Blue« unter Beweis gestellt – und sich damit 2018 den BMW Welt Jazz Award und 2019 den Burghauser Jazzpreis geholt. Ja, und gäbe es einen k1 Music Award, dann hätten die drei Jazzvirtuosen sicherlich auch den ergattert.

Während der erste Set des Konzerts mit Eigenkompositionen aus dem Modern Jazz noch verhältnismäßig »klang-gesittet« anmutete, ließ dann der zweite Teil in seiner akustischen Wucht die Bodenhaftung verlieren: Fünfzig Minuten auf- und anregende Hörerfahrungen an Instrumenten, die man eigentlich zu kennen glaubt. Ein wenig erinnerte die knappe Stunde Techno-Rausch an einen musikalischen Jakobsweg, wobei dieser Weg ein vom Leo Betzl Trio geführter und dirigierter Pfad war. Auf der Bühne stand ein Klavier, das wohl selbst von seiner Klangvielfalt überrascht war: Leo Betzl bespielte nicht nur Tasten, er griff ins Innere des Corpus, hämmerte sacht mit einem Schlägel auf Saiten, borgte sich gar den Kontrabass-Bogen, mit dem er seltsam sphärische Klänge erzeugte.

Maximilian Hirning betanzte locker, lässig und mit Dauerlächeln auf den Lippen seinen Kontrabass, glitt mit Fingern über Saiten, zupfte, schlug und schlug zupfend, bis er Töne erzeugte, die man diesem Streichinstrument gar nicht zugetraut hätte. Und Sebastian Wolfgruber beorgelte unermüdlich sein Schlagwerk, mal energievoll donnernd und scheppernd, dann wieder in sensibler Zurückhaltung, in immer dichtem Zusammenwirken mit den Bandkollegen.

Das k1-Studio bebte im Techno-Fieber, es wurde sich sitzend, stehend, tanzend und groovend den Sounds, die von 1a Lichttechnik flankiert waren, hingegeben. Ein musikalischer Trip, ein sinneserlebnisreicher Ausflug, aus dem sich Musiker wie Zuhörer nur schwer wieder lösen wollten. Erfrischt, bereichert und befreit nahm man Abschied: Von innen nach außen und wieder zurück nach innen – kein Konzerterlebnis, eher ein Erlebniskonzert mit enorm hohem Suchtpotential.

Kirsten Benekam

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