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Enormer emotionaler Ausdruck

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Nils Mönkemeyer (Viola) und Nicholas Rimmer (Klavier) verzauberten ihr Publikum beim zweiten Traunsteiner Sommerkonzert im Kulturforum Klosterkirche. (Foto: Benekam)

Alle guten Dinge sind zwei. Eigentlich, laut Sprichwort ja drei. Im Fall der Traunsteiner Sommerkonzerte 2020 sind aber alle guten Dinge zwei: Anstatt vor Corona erklingt im frisch eröffneten Kulturforum Klosterkirche zweimal am Tag Kammermusik: Das einstündige Programm ist also auf zwei Konzerttermine desselben Tages verteilt.


Zum 40. Jubiläum des kleinen, aber feinen Kammermusikfestivals steht Musik aus England im Mittelpunkt. Nils Mönkemeyer (Viola) und Nicholas Rimmer (Klavier) gestalteten das zweite Sommerkonzert mit Werken von Benjamin Britten, Rebecca Clarke und Dmitri Schostakowitsch und legten mit ihrer atemberaubenden Virtuosität für alles, was folgt, die Messlatte hoch.

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Ein Duo, das sich im Zusammenspiel gegenseitig zur Höchstleistung treibt, und das die gemeinsam hochsensibel interpretierten Kompositionen in jenem Moment, da sie erklingen, neu zu entdecken scheint und somit dem hingerissenen Zuhörer zum Exklusiverlebnis verhilft.

Nils Mönkemeyer ist seit 2011 Professor für Bratsche an der Hochschule für Musik und Theater in München. Der deutsch-englische Pianist Nicholas Rimmer unterrichtet seit 2020 als Professor für Klavier an der Staatlichen Hochschule für Musik Freiburg und beide Virtuosen spielen in unterschiedlichen Formationen und Projekten. Mit makelloser Bogenführung, sehr sicherer, linker Hand und glänzendem Ton zelebrierte Mönkemeyer Benjamin Brittens (1913 bis 1976) Lachrymae op. 48 für Viola und Klavier. Kongenial an seiner Seite, das klassische Dreamteam komplettierend, brillierte Nicholas Rimmer an den Tasten – horchend, atmend und akzentuierend.

Benjamin Britten war einer der größten englischen Komponisten – und er war ein leidenschaftlicher Bewunderer von John Dowland. Brittens Lachrymae liegt thematisch John Dowlands Lied »If my complaints could passions move« zu Grunde, um welches he-rum er 1950 höchst spannende Variationen erarbeitete. Dieses süß-melancholische Thema nimmt Britten nicht als Ausgangspunkt, sondern als Fluchtpunkt – das ursprüngliche Liedthema erklingt erst in der letzten Variation: Ein musikalischer Tagtraum, ein tiefernstes und klangfarbenreiches »Nachsinnen« über eine der edelsten und melancholischsten Melodien der Geschichte.

Nicht weniger geplättet war das Sommerkonzert-Publikum von der folgenden dreisätzigen Sonate für Viola und Klavier von Rebecca Clarke (1886 bis 1979). Dichte Harmonien, enormer emotionaler Ausdruck und rhythmische Komplexität charakterisieren Clarkes Stil, dem nur arrivierte Virtuosen gerecht werden können – Nils Mönkemeyer hat das Werk dermaßen verinnerlicht, dass er gleich zu Beginn den Notenständer zur Seite stellte und sich mit geschlossenen Augen den variationsreichen Themen hingab.

Clarke stellte ihrem Werk ein Motto aus Alfred de Mussets Gedicht »La Nuit de Mai’« voran – zu Deutsch: eine Nacht im Mai. Entsprechend leidenschaftlich mutet diese Sonate an: Emotionsgeladen und sinnlich muss und will sie interpretiert sein. Nur so kommt sie an, wo sie hingehört: im Herzen des Zuhörers.

Das dritte und letzte Werk des Abends stammt zwar nicht aus England, fügte sich aber wunderbar in die Reihe der Superlative der Neuen Musik ein: Dmitri Schostakowitschs (1906 bis 1975) Sonate für Viola und Klavier C-Dur op. 147. Es war seine erste Komposition für dieses Instrument und sein letztes Werk überhaupt: Schostakowitsch schrieb es kurz vor seinem Tod.

Die vorherrschenden Themen der dreisätzigen Sonate – Zeitlosigkeit, Ewigkeit und Vergänglichkeit schienen, in der Interpretationsintensität des Duos, fast die Konzertbesucher zu verschlingen. Die Zeit schien stillzustehen, ein Gleiten ins Nichts, ein kollektives Schweben von Musikern und Zuhörern im luftleeren Raum, in dem alles (und nichts) möglich zu sein schien. So soll es sein.

Es fiel nicht leicht, sich aus diesen Gefühlswallungen, die die beiden hervorragenden Musiker in ihren Zuhörern ausgelöst hatten, zu lösen. Zwar half der stürmische, kaum abebbende Beifall ein wenig ins Hier und Jetzt zurück. Doch eigentlich wären die Zuhörer gerne gleich sitzen geblieben für die kommenden Sommerkonzerte. Kirsten Benekam

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