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Eine Legende zum Leben erweckt

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Das Grassauer Bläser Quartett, Heinrich Albrecht an der Ziach und Sprecher Andreas Estner präsentierten in der Traunsteiner Klosterkirche Ludwig Thomas »Heilige Nacht«. (Foto: Heel)

Folgt man den Erinnerungen des Volksschauspielers Bertl Schultes (1881 bis 1964), so war Ludwig Thoma mit einem Jäger zur Adventszeit bei eisiger Kälte und starkem Schneefall in den Tegernseer Bergen unterwegs, als ihn der Jäger vor sich hinsagen hörte: »Im Wald is so staad. Alle Weg san vawaht. Alle Weg san verschniebn. Is koa Steigl net bliebn«. Ein Blitzeinfall auf der Pirsch also, und die Geburtsstunde der Dichtung von der »Heiligen Nacht«.


In vier Monaten, vom Dezember 1915 bis zum März 1916, »mühelos geschrieben«, wie Thoma später bekannte, zählt der Text heute zum selbstverständlichen Bestandteil der Weihnachtszeit im bayerischen Sprachraum. Wobei die sprachliche Reinheit nicht nur von handwerklicher Meisterschaft zeugt, sondern auch eine tiefe Frömmigkeit offenbart. Ein Solitär, ein Einzelstück, das aus den Werken Thomas sonderbar herausragt und sich mit nichts vereinbaren lässt, was er sonst geschrieben hat. Er selbst nannte seine Dichtung eine »Weihnachtslegende«.

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Eine Legende, die jetzt auch in der Traunsteiner Klosterkirche ihre Wirkung entfalten konnte, wo der aus Fischbachau stammende Musiker und Journalist Andreas Estner sie den rund 350 Besuchern, darunter auch OB Christian Kegel und viele Stadträte, auf ganz eigene Weise ans Herz gelegt hat. Begleitet vom Grassauer Bläser Quartett und Heinrich Albrecht an der Ziach, präsentierte Estner diese Nacherzählung der biblischen Weihnachtsgeschichte dabei urtümlich, direkt und doch einfühlsam, mit präzise intonierten Dialogen und lebendigen Beschreibungen des legendären Geschehens.

So ließ er das Publikum eindringlich miterleben, was Josef und Maria bei ihrer Herbergssuche im tief verschneiten Oberland so alles zu ertragen hatten, eine harte Überlebensgeschichte, die von ebenso reichen wie herzlosen Menschen, aber auch von armen, dafür jedoch freundlichen, hilfsbereiten Zeitgenossen erzählt. Etwa vom Handwerksburschen Hansei, der nachts davon träumt, dass ihm der Herrgott persönlich für seine Hilfsbereitschaft dankt.

Musikalisch aufs Schönste umrahmt wurde die Lesung von Heinrich Albrecht an der Ziach, der hin und wieder Textpassagen mit subtilen Volksmusikklängen untermalte, während das Grassauer Blechbläser Quartett zwischendurch mit Stücken wie »Still, o Himmel«, »Knecht Ruprecht« von Robert Schumann oder einem Werk des italienischen Komponisten Arcangelo Corelli für weihnachtliche Stimmung sorgten. Mit »Rundumadum«, einem bairischen Rondo, neigte sich die mit viel Beifall bedachte Lesung dann dem Ende zu.

Wolfgang Schweiger

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