Eine Frau auf der Flucht vor sich selbst

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Hubert von Goisern berichtete im Gespräch mit Luca-Emilia Dingl über die Entstehung seines Romans und las Passagen aus »flüchtig«. (Foto: Heel)

»Eine gute Geschichte braucht ein Drama. Am besten ein Beziehungsdrama«, meinte Hubert von Goisern bei seiner Lesung im Traunsteiner Kulturforum Klosterkirche, wo der Mitbegründer der »Neuen Volksmusik« und Erfinder des sogenannten »Alpenrock« sein Romandebüt »flüchtig« vorgestellt hat. Ein Anspruch, dem er mit »flüchtig« locker gerecht wurde, denn der unter seinem richtigen Namen, Hubert Achleitner, veröffentlichte Roman ist ein Beziehungsdrama ersten Rangs, einfühlsam und facettenreich erzählt, mit starken Figuren und einer spannenden, vielschichtigen Handlung, dazu angereichert mit vielen interessanten Nebengeschichten und Querverweisen auf Musik, Politik, Historie, Philosophie und Religion.

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Flüchtig ist in diesem Fall Maria, die nach dreißig Jahren (freudloser) Ehe zufällig mitbekommt, dass die Geliebte ihres Mannes Herwig ein Kind erwartet. Sie kündigt ihren Job als Bankangestellte, räumt das gemeinsame Konto leer und fährt mit Herwigs Volvo los. Beginn einer abenteuerlichen Reise, die sie von den österreichischen Alpen bis nach Griechenland führt, wobei sie unterwegs eine junge Frau trifft, mit der sie einige Monate verbringt.

Herwig weiß derweil nicht, wie ihm geschieht, bis ihm die Polizei meldet, man habe seinen Volvo in Saloniki gefunden. Zusammen mit seinem aus dem Altersheim ausgerissenen Vater Lothar macht er sich nun ebenfalls auf in Richtung Süden.

Im Gespräch mit der Journalistin Luca-Emilia Dingl, die die Lesung moderierte, verriet Hubert von Goisern zunächst, dass er die Idee, einen Roman zu schreiben, 20 Jahre lang vor sich hergetragen habe. Vielleicht auch, wie er ironisch hinzufügte, weil er so viele schlechte Romane gelesen und sich gesagt habe: »Das kann ich besser.« Wenig überraschend war sein Eingeständnis, dass der Roman viel Eigenes enthalte, er in jeder Figur drinstecke, eigene Denk- und Handlungsweisen integriert habe. Auf das Thema Schreibblockaden angesprochen, meinte er: »Eher nicht«, aber dass er erstaunt gewesen sei, wie sehr manche seiner Figuren ein Eigenleben entwickelt hätten, dem er sich letztendlich zu fügen hatte.

Sehr interessant war auch zu erfahren, ob ein so dialektverbundener Sänger wie er Probleme mit dem Hochdeutsch hatte. »Überhaupt nicht«, sagte er dazu und verwies auf sein letztes Album »Zeiten & Zeichen«, auf dem er auch hochdeutsch singe. Zuletzt erzählte er noch, wie schwer es ihm gefallen sei, einen Schluss für seinen Roman zu finden. Bis er sich nach langwierigen Überlegungen für eine Radikallösung entschieden habe: »Da, wo die Figuren gerade sind, da bleiben sie auch«.

Als Einstieg für seine Lesung wählte Hubert von Goisern die dramatische Szene, in der Maria auf die Welt kommt, nämlich nicht wie andere Kinder, sondern in einer Seilbahngondel hoch über dem Tal, mitten im Schneesturm. Man tauft sie Eva Maria Magdalena mit der Bitte um Beistand. Sehr gespannt verfolgte das Publikum auch die Beschreibung des gemeinsamen Mittagessens, nachdem Maria sich entschlossen hatte, Herwig zu verlassen. Es gibt nämlich ein von Maria zubereitetes Pilzgericht.

In einer weiteren, recht amüsanten Passage wurde deutlich, was an Hubert von Goisern in der Figur des Herwig stecken mag. Da wird, verknüpft mit einem Plädoyer für Vinyl-Platten, der Nina-Hagen-Song »Heiß« derart lustvoll zerlegt, dass die Zuhörer die Freude des Autors beim Verfassen des Textes spürten. Kein Wunder also, dass Hubert von Goisern nach der Lesung von vielen Besuchern angesprochen und gebeten wurde, das soeben erworbene Buch zu signieren.

»flüchtig« ist im Paul Zsolnay Verlag erschienen und umfasst 304 Seiten.

Wolfgang Schweiger

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