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»Ein Orchester ist ein kompliziertes soziales Gebilde«

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Musikkollegium-Leiter Augustin Spiel (Mitte) gehörte auch dem Leitungsteam des »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« an. Dieses Bild entstand bei seiner Verabschiedung mit seiner Frau Edeltraud und dem Vorsitzenden des Musiksommers, Altlandrat Hermann Steinmaßl. (Foto: Giesen)
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Das Musikkollegium Traunstein bei einem Konzert in der Aula der Berufsschule unter Leitung von Augustin Spiel. (Foto: privat)

Wie wohl alle Musiker und anderen Künstler hat auch das Musikkollegium Traunstein ein schwieriges, vor allem frustrierendes Jahr hinter sich.

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Das letzte große Konzert mit »leichter Musik« zur Faschingszeit war am 15. Februar in der Aula der Berufsschule. Im Mai war zum Beethoven-Jahr eine Hommage an Beethoven mit dem Violinsolisten Frank Stadler geplant. Durch eine Entscheidung der Stadt und der Musikschule wurde dieses Konzert vorsichtshalber auf Ende November ins Kulturforum Klosterkirche verlegt. »Jetzt mussten wir auch das zu Grabe tragen«, sagt Augustin Spiel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Er hatte 1984 erstmals ein Ensemble zusammengestellt, das sich bei Musikliebhabern bald zum sehr gefragten Musikkollegium Traunstein entwickelte. Die letzte Probe für das geplante Konzert im November war Ende Oktober im Saal des Erzbischöflichen Studienseminars, wo die notwendigen Abstände – 1,50 Meter für Streicher, 2 Meter für Bläser – gut eingehalten werden konnten. Wegen des geplanten Umbaus des Studienseminars fallen diese Räumlichkeiten für weitere Proben nun weg, erklärt Spiel. Das Kulturzentrum am Stadtpark sei zu klein, denn im Unterschied zu Berufsorchestern habe das Musikkollegium keine Plexiglaswände. Ohnehin sei das Orchester, das die großen Konzerte sonst meist mit 48 Spielern bestreitet, nun verkleinert worden. Sogar in der Klosterkirche hätten es mit den notwendigen Abständen und den ersten frei gehaltenen Sitzreihen nur 31 Spieler sein dürfen – sechs erste Geigen, fünf zweite, vier Bratschen, drei Celli, drei Kontrabässe und zehn Bläser.

»Alle sind jetzt so begierig darauf, wieder spielen zu dürfen«, bedauert Augustin Spiel, obwohl momentan ja sogar das gemeinsame Proben nicht erlaubt sei. Nun hoffen alle auf die Zeit nach Weihnachten. »Alle warten wir auf das Signal »es geht weiter«, so Spiel. Das gesamte Orchestermaterial, wie etwa Noten, liege bereit.

Psychisch sei es sehr frustrierend, wenn alle zusammen mühselig auf ein Ziel hinarbeiten, das dann doch nicht erreicht werden könne, erklärt der Orchesterleiter. Ein Orchester sei so wie ein Chor »ein kompliziertes soziales Gebilde«, bei dem sich bei zu viel Belastung »der Sensus der Zusammengehörigkeit« auch ver-lieren könne. Da jetzt aber alle so gerne wieder zusammen spielen wollen, sei er zuversichtlich, dass alle wiederkommen, sobald das ersehnte Signal zum Weitermachen kommt.

Die fast 50 Musiker des Musikkollegiums Traunsteins setzen sich sowohl geografisch als sozial aus allen Schichten der Bevölke-rung und Altersgruppen zusammen. Darunter gibt es viele Lehrer, insbesondere Musiklehrer, aber auch Musikbegeisterte, die einfach sehr gut spielen, viele aus dem Umfeld von Traunstein, aber auch aus Salzburg, Peterskirchen, Saaldorf bis München, zum Beispiel zwei Oboisten, die seit Jahrzehnten freundschaftliche Beziehungen zum Orchester pflegen. Seit den späten 1980er Jahren bürgerte es sich ein, dass das Musikkollegium Traunstein drei große Konzerte pro Jahr zu Gehör brachte, darunter musikalisch sehr anspruchsvolle Werke wie die dritte Symphonie von Mendelssohn-Bartholdy oder die achte von Antonin Dvorak. 2005 traten die Reichenhaller Symphoniker unter Thomas Mandl und später Christian Simonis an Augustin Spiel heran, ebenfalls in Traunstein spielen zu dürfen, so dass es seither fünf große Or-chesterkonzerte in Traunstein gab, was die Zuhörer sehr gerne annahmen.

»Jetzt müssen wir die Zeit überbrücken«, sagt Spiel und freut sich mit seinen Musikerkollegen darauf, im neuen Kulturforum Klosterkirche spielen zu dürfen. Alle Planungen, auch der Pro-ben, seien von der Leiterin der Klosterkirche, Alexandra Birklein, sehr hilfreich mitgetragen worden, sagt Spiel. Christiane Giesen

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