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»Ein Kind« im Kulturforum Klosterkirche

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Stefan Hunstein las im Traunsteiner Kulturforum Klosterkirche aus Thomas Bernhards »Ein Kind«. (Foto: Giesen)

»Traunstein unten liegt auf einem Moränenhügel. Aber Ettendorf liegt noch viel höher, sozusagen vom Berg der Weisheit blickte man auf die Niederungen des Kleinbürgertums hinunter, in welchem, wie mein Großvater zu sagen nicht müde wurde, der Katholizismus sein stumpfsinniges Szepter schwang. Was unterhalb Ettendorf lag, war nur der Verachtung wert. Der kleine Geschäftsgeist, der Kleingeist überhaupt, die Gemeinheit und die Dummheit.« In diesem Tenor ist die 1982 erstmals erschienene Erzählung »Ein Kind« von Thomas Bernhard durchweg gehalten. Im Rahmen des Literaturfestes »Leseglück« las der Schauspieler, Regisseur und Fotokünstler Stefan Hunstein im Traunsteiner Kulturforum Klosterkirche aus diesem besonders in den ersten Jahren höchst umstrittenen Buch.


In unvergleichlich brillanter, einerseits inniger, einfühlsamer Weise, andererseits mit deutlichem Abstand, auch ein wenig ironisch an manchen Stellen, trug Stefan Hunstein den Text vor. Seit 2018 ist der Künstler festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum, er führt Regie und hat seine Fotografien auch schon in der Traunsteiner Städtischen Galerie gezeigt.

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In »Ein Kind« arbeitete der berühmte österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 bis 1984) gewissermaßen seine Kindheitsgeschichte auf, die der Leser jedoch keineswegs eins zu eins als autobiografisch verstehen sollte. Traunstein erlebte er als Ort einer kindlichen Verzweiflung, zum Beispiel wenn der offensichtlich sehr lebendige, hoch intelligente Lausbub immer und immer wieder die Schule schwänzte, seine Hausaufgaben aus lauter Langeweile nicht zu erledigen vermochte und von zu Hause abhaute, sobald es nur irgend geht.

Stefan Hunstein vermochte es in seiner Lesung, die aus Sicht des kleinen Buben absolute Diskrepanz zwischen seinem kleinbürgerlich einengenden Elternhaus in der Schaumburger Straße – mit ständig schimpfender, jammernder Mutter und grobem Stiefvater – und auf der anderen Seite dem nicht nur geografisch hoch über diesen Abgründen gelegenen Wohnhaus seines über alles geliebten Großvaters und der Großmutter in Ettendorf zu beschreiben.

Der Großvater Johannes Freumbichler (1881 bis 1945), schon damals ein geschätzter, wenn auch nicht allzu erfolgreicher österreichischer Schriftsteller – 1931 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet –, erkannte in seinem Enkel das Genie, was er ihm auch ohne Unterlass in Herz und Hirn pflanzte und was natürlich das Leben bei den Eltern, die auch Hausaufgaben und regelmäßigen Schulbesuch sehen wollten, nicht leichter machte.

Insgesamt wurde bei der wunderbar erhellenden Lesung deutlich, wie innerhalb dieser sich widersprechenden Pole die Grundlagen der Entwicklung für ein solch sensibles Kind gelegt wurden. Wie der »schwer erziehbare« Junge, der ständige »Nagel zum Sarg seiner Mutter«, zu einer differenzierten, kritischen Persönlichkeit heranwachsen konnte und schließlich zu einem von Österreichs bedeutendsten Schriftstellern wurde.

Für das Kulturforum Klosterkirche war diese erste Lesung auch ein gewisser Testlauf für die viel geschmähte Akustik im Kirchenraum. Die Zuhörer vernahmen Stefan Hunsteins deutliche, professionell ausgebildete Stimme und niemals zu rasch vorgetragene Lesung gut, allerdings mit deutlichem Nachhall. Der nicht enden wollende Applaus am Ende der gut besuchten Lesung zeigte, dass die offensichtlich begeisterten Zuhörer einen unvergesslichen Vormittag erlebt hatten. Christiane Giesen

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