Doch nicht allein unter Schwarzen?

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Comedian Simon Pearce legt den Finger in die Wunden, ohne ihn oberlehrerhaft zu erheben.

Auch wenn das Programm »Allein unter Schwarzen« des Kabarettisten Simon Pearce schon beinahe zwei Jahre läuft ist es aktueller denn je und in einem ständigen Wandlungsprozess.

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Rassismus und Homophobie sind nicht nur in den Medien große Themen. Auch ein gedankenloser Alltagsrassismus – meist nicht einmal böse gemeint, für die Betreffenden jedoch sehr verletzend – ist immer noch allgegenwärtig und erfordert dringend noch mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität im Umgang miteinander. Obwohl Pearce seine Geschichten, Erlebnisse und Eindrücke auf der NUTS-Sommerbühne in Traunstein sehr humorvoll, ironisch und unglaublich charmant schildert und dabei betont, er selbst sei »nicht politisch«, ist es im weiteren Sinne dennoch auch ein politisches Kabarett. Denn es sind nicht nur die Menschen, sondern auch der Staat gefordert, den Rahmen für einen angemessenen Umgang miteinander zu schaffen und zu erweitern.

Von so mancher Stammtischparole im Sinne von »Du bist eh oana von uns, auch wenn dei Hautfarb‘ net ganz stimmt« kommt vermutlich beim Adressaten alles an, nur nicht so, wie es eigentlich gemeint ist. Eine unglückliche Wortwahl beschreibt Simon Pearce zwar locker und lustig, trifft ihn aber dennoch. Dies gilt auch für gewisse »Sprachexperimente«, in die viele automatisch verfallen, sobald das Gegenüber sichtlich kein bayerischer »Ureinwohner« ist und die Annahme mangelnder Deutsch- und Bayrisch-Kenntnisse das Sprachzentrum durchdringt. Oder etwa Pauschalverdächtigungen bei Polizei- und Drogenkontrollen oder bereits weitaus früher und durchgängig in den Schulen. Sein Heimatort Puchheim liegt zwar knapp vor München, ist aber auch »nur« ein Dorf, wo fast jeder fast jeden kennt, und fast jeder meint, fast alles über seine Nachbarn zu wissen. Auch die Vita seiner Mama, der Volksschauspielerin Christiane Blumhoff, gibt reichlich Stoff für allerlei bunte Geschichten. Gerne wird sie als bodenständige Bayerin mit Dirndl und allem Pipapo dargestellt, dabei ist sie alles andere als das, lacht Simon Pearce. Kundgebungen und Proteste, unrasierte Achselhöhlen (als Synonym für die Unangepasstheit und Aufbruchsstimmung der 80er Jahre) – und in seiner Schule die, die kein Blatt vor den Mund nahm.

Zudem dürften sich Manche schwer damit getan haben, dass sie einen »Farbigen« geheiratet hatte, was bei allem Bemühen um Verständnis, Integration und Political Correctness zu ebenso skurrilen und lustigen wie bisweilen auch peinlichen Situationen geführt hat. Das alles hat Simon Pearce geprägt. Sein Kabarettprogramm trifft den Nagel auf den Kopf und wohl keiner könnte es besser erzählen als er, der stets in der ersten Reihe sitzt und mit einer sehr gelungenen Mischung aus Mimik, Gestik und Körpersprache aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei geht er mit einer gesunden Portion Humor und Ironie ans Werk, legt den Finger in die Wunden, ohne ihn oberlehrerhaft zu erheben. Das muss er auch gar nicht. Der eigene Blick in den wertfrei vorgehaltenen Spiegel zeigt uns selbst immer wieder mal auf unterhaltsame Weise, wo die bisweilen reflexhaften und unbedarften Lacher doch vielleicht ein bisschen fehl am Platze sind.

Simon Pearce sagt über sich selbst humorvoll-ironisch: Ein Schwarzer in einem schwarz(regiert)en Staat aufgewachsen, ein geborener Bayer und des typischen Dialektes mächtig (auch wenn er ihn auf der Bühne um des besseren Verständnisses willen etwas runterfährt) – und von daher »nicht allein unter Schwarzen«. Maria Ortner

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