Die Gegenwart als Grenzerfahrung

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Wie eine Schnittstelle zwischen Natur und Kultur erscheint diese Vogelperspektive eines verlassenen Schwimmbads auf dem Gemälde »ohne Titel (Pool)« von Melanie Siegel aus dem Jahr 2020.

Es sind gleich mehrere Ebenen der Entgrenzung, die der aktuellen Doppel-Ausstellung »Auf der Schwelle« in der Städtischen Galerie Traunstein ihren besonderen Reiz verleihen.

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Erstmals seit Bestehen der Einrichtung wird es möglich sein, die jetzige Präsentation der beiden Künstlerinnen Melanie Siegel und Stefanie Hofer mit einem Gastbeitrag von Silke Witzsch auch nach dem Abbau zumindest virtuell weiter besuchen zu können. Den Weg dazu ebnet ein 3-D-Rundgang in den beiden Ausstellungsräumen im Netz unter der Adresse https://hey.bayern/ausstellung-auf-der-schwelle-staedtische-galerie-traunstein-2021. Dank Großaufnahmen lassen sich dabei einige Werke der Ausstellung auch aus der Nähe studieren.

Und das lohnt sich in der Tat. Der Autor hatte zum Glück die Gelegenheit, die Werke in der kurzen Öffnungsphase vor dem erneuten Lockdown »live« zu sehen. Bestechend ist das hohe künstlerische Niveau der bildnerischen Arbeiten. Eine flüchtige Betrachtung aus der Ferne vermittelt anfangs die Illusion, dass es sich um Schwarz-Weiß-Fotos oder gekonnte Aufnahmen von Parkanlagen, Schwimmbädern oder Sportplätzen, zum Teil in Drohnenperspektive, handeln könnte.

Im Näherkommen enthüllt sich dann die wahre Meisterschaft: Stefanie Hofer verleiht ihren Landschaftsgärten in detailreicher Aquatinta-Grafik durch tiefe Schatten, Wasserreflexe und beeindruckende Lichtspiele eine dichte Atmosphäre. Als läge ein besonderer Zauber darüber, wird man fast magisch in diese Wasser-Natur-Landschaften auf Büttenpapier hineingezogen. Als Orte der Reflexion wirken sie real, sind aber tatsächlich als ideale Bildräume aus Fotos, Skizzen und auf Reisen gesammeltem Material zusammengesetzt.

Melanie Siegel wiederum geht es in ihren in altmeisterlicher Detailtreue gemalten Bildern um die domestizierenden Eingriffe des Menschen in die Landschaft und die Rückformung urbaner Räume durch die Natur. Zu sehen sind Sitzgruppen im Park, Schwimmbäder und Tennisplätze oder Dachlandschaften größerer Gebäudekomplexe in Vogelperspektive. Ihr »Silent Walk« durch verschiedene Heidelandschaften, die sich im Morgendunst aufzulösen scheinen, wirken dagegen wie eine Referenz an große Landschaftsmaler wie Claude Lorrain oder Gustave Courbet. Wer genau hin-schaut, entdeckt in den flirrenden Lichtreflexen eines Waldstücks hinter einer weißlackierten Sitzgruppe aus Drahtgestell (»Runde«) sogar Stilelemente des Impressionismus.

Beschäftigen sich die Bildwerke von Hofer und Siegel auf fast kontemplative Art mit den vom Menschen gestalteten, idealisiert-romantisierenden Schnittstellen von Natur und Zivilisation, so setzt Silke Witzsch diesem Ansatz eine beängstigende Version der Realität als Kontrapunkt gegenüber. In ihrer aus dokumentari-schen Film- und Fotoaufnahmen montierten Videosequenz »Flood« (Flut) gewinnt das Szenario einer sich anbahnenden Überschwemmung apokalyptische Dimensionen. Überblendungen, Unschärfen, schnelle Richtungs-, Geschwindigkeits- und Perspektivwechsel sorgen zusammen mit Großstadtvisionen und einem aggressiv-pathetischen Soundteppich für Beklemmung, Ängste und Orientierungslosigkeit. Ein künstlerisch verfremdetes Sinnbild der unmittelbaren Gegenwart.

In ihren ganz unterschiedlichen Ansätzen laden die drei Künstlerinnen zu inspirierend aufgeladenen Betrachtungen über die Gegenwart und die gegenwärtige Situation des Menschen ein. Gerade in der Corona-Pandemie lösen sich aktuell viele vermeintliche Gewissheiten und liebgewonnene Gewohnheiten auf und weichen neuen Einsichten. Unter anderem durch ein sich änderndes Bewusstsein gegenüber unserem Verhältnis zur Natur. Ein – auch virtueller – Spaziergang durch die Gartenlandschaften und Videoszenarien als Sinnbild einer Schnittstelle zwischen Kultur und Natur, Vernunft und Emotion, planvoller Gestaltung und Wildheit kann hier durchaus inspirierend wirken. Axel Effner

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