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Die Essenz von beseeltem Tango-Tanz

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Tanto … Tango! Das Ballettensemble zeigt den »Tanz der Tänze« in liebevoller Zugewandtheit und reizvoller Freiheit. (Foto: Witzgall)

Rebellisch und melancholisch, sinnlich, elegant, brutal und schamlos erotisch, aber vor allem voller Leidenschaft und ein Ausdruck unmittelbarer Lebenserfahrung: Das ist Tango.


In den Armutsvierteln von Buenos Aires und Montevideo war der Tango immer mehr als »nur« ein Tanz – so viel mehr: »Tanto … Tango!« (So viel … Tango!) betitelten Ballettchef Reginaldo Oliveira und Kammertänzer Flavio Salamanka ihren Tango-Abend am Salzburger Landestheater. Mit der Aufforderung »Lassen Sie alles hinter sich, was Sie glauben, über Tango zu wissen!«, sollte das Publikum sich von Klischeehaftem verabschieden und den eigenen Horizont für eine neue, ganz andere Dimension des »Tanzes der Tänze« erweitern lassen.

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Das Ballett, das ursprünglich im Mai schon seine Uraufführung haben sollte, musste Corona-bedingt in den »Goldenen Oktober« verschoben werden. Nun feierte es mit einem bestens »tangoisierten« Ensemble aus 16 Tänzern und Tänzerinnen vor einem spürbar hingerissenen Publikum Uraufführung und zugleich mit dieser Produktion Abschied von Primaballerina Márcia Jaqueline, die sich nach drei erfolgreichen Jahren in Salzburg nach Brasilien verabschieden wird. Im Fokus des Balletts stand eine tiefe Auseinandersetzung mit der Geschichte des Tango, seiner »Essenz« und den mannigfaltigen Schritten und Tanzstilen.

Die Tänzer bekamen große Freiräume, sollten eigene Erfahrungen, Emotionen und daraus entspringende Inspirationen einbringen: Tango, schrieb der argentinische Dichter Enrique Santos Discepolo, »ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann«. Diesen »eigenen« inneren Tango zu entfachen, sollte der Antrieb eines jeden Ensemblemitglieds sein. So entfesselte sich mit dieser Idee im Salzburger Landestheater eine weitere, ganz neue Qualität des Tangos, die dem Titel »Tanto Tango« voll gerecht wurde. Authentizität ist der Schlüssel zur vollendeten Expressivität und die Essenz beseelten Tanzes, auch oder besonders im Tango.

»Tanto Tango« ist mehr als »Paartanz«, ist mehr als dieses »Ding« zwischen Mann und Frau. Es ist die getanzte Begegnung von Individuen, die sich in Gruppen formieren, sich anzuziehen scheinen, um sich dann wieder voneinander zu lösen, es ist an- und entspannend, pulsierend und variationsreich – sowohl in den »Pas-de-Deux« als auch in den Gruppenchoreografien. Rhythmusgeber sind also nicht nur die zum Teil populären Tangokompositionen (leider nur aus Lautsprechern), sondern viel mehr der Gefühlsstoff, der zum Tanz wird und der jeden Zuschauer in seiner jeweils eigenen Gefühlswelt trifft und ihn soghaft hineinzieht in die neu kreierte Sphäre.

Bühnenbild und Ausstattung lassen dem Zuschauer in ganz ähnlicher Art fantasievolle Freiräume: Getanzt wird in schlichtem, aber dennoch stilvollem beige-weiß farbigen Kostüm (Stephanie Bäuerle). Später wird die »Geschlechterordnung« aufgelockert, ja zuweilen sogar aufgehoben – ganz im Sinne des Tango, bei dem sich die beiden Geschlechter auf Augenhöhe begegnen. Es formieren sich gleichgeschlechtliche Paare, Männer tanzen in Corsagen und Frauen in Hosen, Geschlechterrollen lösen sich auf, verschwimmen, werden unwichtig vor dem Hintergrund großer Gefühle, liebevoller Zugewandtheit und reizvoller Freiheit.

Die Triebkraft von Eifersucht oder Missgunst scheint aufgehoben oder verschwindet zum Großteil im offenherzigen Miteinander bei gegenseitigem Respekt: Man gönnt sich – und dem oder der anderen – Gedanklichen Gestaltungsfreiraum. Dies gilt auch für die Bühne (Eva-Maria Hinteregger), sie zeigt unter häufigem Einsatz der Drehfunktion den angedeuteten Hintergrund eines Hafenviertels, eines Tanzlokals, einer riesigen Treppe, die in spektakulären Choreografien betanzt wird oder einer Wand mit einer Art Salonöffnung, durch die Feiernde und Beschwipste ein- und ausgehen und sich neckisch-verspielt um eine Flasche Rotwein raufen.

Das Publikum ließ sich gerne auf diesen neuen Tango ein. Es fühlte sich bei der so wuchtvollen Intensität und der überwältigenden Präsenz der Tänze miteinbezogen, fand andersartig Zugang zum »Tanz der Tänze«. Aus der »Einheit der Zweiheit« wurde an diesem Abend eine Einheit der Mehrheit: Nicht nur zwei Tänzer, die eins wurden, sondern viele Tänzer, die miteinander verschmolzen und das Publikum dahinschmelzen ließen. Tanto Tango, tanto emoción, tanto Applaus für eine brillante Gesamtleistung des Ensembles. Karten im Vorverkauf sowie weitere Infos gibt es per E-Mail unter service@salzburger-landestheater.at sowie unter Tel. 0043/662/871512222.

Kirsten Benekam

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