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»Die Demokratie ist ein sterbender Riese«

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Wie man die Einschaltquote hochtreibt, das weiß und feiert Nachrichtensprecher Howard Beale (Axel Meinhardt, rechts), hier zusammen mit Nachrichtenchef Max Schumacher (Georg Clementi). (Foto: Landestheater/Witzgall)

Oberstes Gebot eines Nachrichtensprechers: Du darfst nicht selbst zur Nachricht werden.


Es sei denn, du nutzt als »alter Medien-Hase« wohlweislich die Macht eben dieser genialen Bühne, weil du genau das willst: Selbst zur Nachricht werden, um – und genau das ist der Clou – deine eigenen Nachrichten und Botschaften, deinen Aufruf zum Widerstand auf allen Kanälen unters unwissende Volk zu bringen. Und das in der Hauptsendezeit: Besser geht’s doch gar nicht. Wohin das führt, das ist derzeit in »Network«, einer wirklich aufregenden Schauspielproduktion des Salzburger Landestheaters zu erleben.

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Zur Story: Als Top-Nachrichtensprecher Howard Beale (Axel Meinhardt) nach 25 Jahren von seinem Sender UBS aufgrund sinkender Einschaltquoten im Nachrichtensegment gefeuert werden soll, ist er weit mehr als »not amused«, um nicht zu sagen »deeply affected«, also tief getroffen. Der verwitwete Mittsechziger, der für seine Arbeit lebt, kündigt daraufhin in seiner Livesendung an, sich in seiner letzten Sendung vor laufender Kamera »das Hirn rauszupusten«. Und siehe da: Die Quote steigt. Quid pro quo (Dies für das).

Nun wird für Beale ein neues Format geschaffen und zwar das eines modernen Propheten und Predigers. Das Spiel beginnt. Als neuer »Machthaber der Einschaltquote« gibt er dem Affen Zucker, klärt er seine »Follower« vor laufender Kamera darüber auf, dass Meinungen Tatsachen übertrumpfen und Medien die Menschheit manipulieren. In letzter Konsequenz helfe nur eins: abschalten. »Mit Moral hat unser Metier nichts zu tun. Unsere Aufgabe besteht darin, Geld zu verdienen«, erklärt Programmdirektorin Christensen (Britta Bayer) im Strudel intriganter Machenschaften, in denen Wirtschaftlichkeit über Humanität siegt.

Der Plot der US-amerikanischen Filmsatire »Network« aus dem Jahr 1976 (Sidney Lumet führte nach einem Drehbuch von Paddy Chayefsky Regie) hat über die Jahrzehnte nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. Nun feierte Network in der Bühnenadaption von Lee Hall in einer Inszenierung des Salzburger Landestheaters österreichische Erstaufführung. Der Aufführungsort hätte nicht besser gewählt werden können: Das ORF-Landesstudio Salzburg. Umgeben von Kamera- und Tontechnikequipment, zwischen Monitoren und unter einem ganzen Areal von Lichttechnik erlebte das Salzburger Publikum die prickelnde Spannung einer Theaterpremiere im Filmstudio.

In der Inszenierung von Claus Tröger wird das gesamte Studio, samt technischer und räumlicher Möglichkeiten bespielt (Bühne und Kostüme Katja Schindowski). Die Theaterbesucher werden zu Studiogästen im Nachrichtenstudio des Senders Union Broadcasting System (UBS). Aktionen in Echtzeit, die der Zuschauer analog oder digital verfolgen kann, werden mit vorab gedrehten Szenen, die auf den Bildschirmen zu sehen sind, gemischt und komplettieren das Authentizitäts-Feeling.

Vor der Kamera und auf der Bühne steht ein Ensemble in Bestform, das es immer wieder schafft, den schmalen Grat zwischen Realität und Illusion klaffen zu lassen und das »spielend« die grotesken Tatsachen einer dystopischen Medienlandschaft, in der der einzelne Mensch nichts mehr zählt, offenlegt. »Die Demokratie ist ein sterbender Riese«, heißt es im Text. Ob Beales Schlachtruf »Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich habe die Schnauze voll!« und sein blindwütiger Versuch, der korrupten Medienwelt den Garaus zu machen gelingt? Ein Theaterbesuch im ORF-Landesstudio Salzburg könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Eines aber ist gewiss: Es wird spannend – bis zum Schluss. Das Stück fördert in seiner Umsetzung bei exzellenter Rollenbesetzung tiefschürfende Wahrheiten zutage, wirft ein Schlaglicht auf destruktiven Umgang mit Menschen, deren Schicksal zu Medienzwecken »missbraucht« wird und ist, entgegen unzähliger Fake News, im besten Wortsinn eine wahre (Neu-)Entdeckung.

Georg Clementi als Nachrichtenchef Max Schumacher, Alessandro Visentin als Producer Harry Hunter, Christoph Wieschke als Manager Frank Hackett mit Mira Huber als seine Frau Louise, Walter Sachers als Vorstandsvorsitzender Ed Ruddy und Chris Lohner als Netzwerkchefin Mrs. Jensen zeigen ganz großes Theater in Nachrichtenfilmkulisse. Kamera ab und Riesenapplaus! Karten und weitere Infos unter service@salzburger-landestheater.at.

Kirsten Benekam

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