Das Beste aus vielen heilen Welten

Bildtext einblenden
Sind bei den Konzerten im Großen Festspielhaus in Salzburg über sich selbst hinausgewachsen: Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker bei Mahlers Dritter Sinfonie. (Foto: Marco Borelli/Festspiele)

»Oh Welt, gib acht!« Gänsehaut stellt sich ein, wenn Violeta Urmana mit der Mahnung Friedrich Nietzsches anhebt. Man hat die Zeitungsschlagzeilen von Unwettern, Waldbränden und Hitzeperioden vor Augen – und Mahlers Dritte Sinfonie im Ohr. Destruktion auf der einen Seite, das Natur-Idyll schlechthin auf der anderen.

Aber holen wir, bevor wir über den Klimawandel und die Mahlersche Wunderhorn-Symphonik reden, doch zuerst nochmal den Soloposaunisten der Wiener Philharmoniker vor den Vorhang. Andris Nelsons hat ihn bei der direkt übertragenen Matinee gleich zwei Mal aufstehen und besonders herzlichen Beifall entgegen nehmen lassen. Der Mann hat's wahrlich verdient. Wie er in dem höchst exponierten Solo gegen Ende des ersten Satzes von der kantigen Wunderhorn-Melodik jäh tonlich hinüberschwenkte ins Kantable, dem sich seine holz-blasenden Kollegen so schmiegsam beiordnen konnten – das wird und will man nicht so bald aus den Ohren kriegen. Es wurde auch vom mehr als wirbeligen Satzfinale (»whow«, entkam es einem meiner Sitznachbarn spontan) nicht weggeknallt.

Damit sind wir gleich beim Besonderen dieses »Philharmonischen« an zwei Tagen nacheinander. Andris Nelsons ist ein (Chef-)Dirigent in zwei Welten. Beim Boston Symphony Orchestra ist er es gewohnt, mit amerikanischem »Brass« umzugehen, und beim Leipziger Gewandhausorchester hat er ein Holzbläser-Kollektiv von besonderer Eigenart. An diesem Vormittag schien es, als ob Nelsons seine hohen Erwartungen an beide Orchestergruppen in die Wiener Philharmoniker hineingetragen und entsprechenden Einsatz eingefordert hat. Die Wiener Philharmoniker nehmen Andris Nelsons ernster als so manchen Pultkollegen, auch viel ernster als Christian Thielemann, der eine Woche zuvor im Großen Festspielhaus für Mahlers Rückert-Lieder am Pult stand. So mutierte nicht nur das schwere Blech zu einem Präzisionsinstrument à la American Brass.

Die Philharmoniker haben ihrerseits die eigene Klangkultur wundersam zusammengebracht mit Nelsons' kapellmeisterlichen Vorstellungen. Da mag der Mann am Pult schon mal folkloristische Akzente Richtung Trompeten und Posaunen mit beiden Fäusten evozieren: Die orchestrale Antwort kam akzentuiert, zugespitzt, aber eben immer mit jener Wärme, für die man die Philis so schätzt.

Geradezu programmatisch in diesem Sinn das eingangs erwähnte Posaunensolo. Ähnliche Stellen ließen sich sonder Zahl in den Holzbläsern beschreiben. Und geradezu zum Niederknien: der ausgedehnte Abschnitt mit der Ferntrompete im dritten Satz. Auf deren Einwurf antworteten zuerst die Ersten Geiger mit einem wirklich beispiellos transzendenten Misterioso. Und dann haben die Holzbläser die Sache quasi geerdet, das himmlische Ideal in eine greifbare Naturidylle aus der (damals noch) heilen Welt umgeformt.

»Oh Welt, gib acht!« Als Mahler 1895/96 in seinem Komponierhäuschen am Attersee saß, fegten die Stürme vermutlich noch nicht so verheerend wie am Samstagabend über Salzburg und den Flachgau. Die Erde war, zumindest im Attergau, weitgehend intakt und unerwärmt. Und die symphonische Welt (zu deren Überhitzung Mahler selbst mit seinen späteren Symphonien nicht wenig beitragen sollte) war nicht minder heil.

Die Dritte Sinfonie ist eines der schönsten, nachdrücklichsten Zeitzeugnisse dafür. Das hat Andris Nelsons nicht nur zugelassen, sondern aufs Eindrucksvollste befördert. Das beste aus der Bostoner und Leipziger Orchesterwelt, in Saft gesetzt durch die Wiener Philharmoniker. Mehr Konzentriertheit, lustvollerer Energieeinsatz, da muss man schon Jahre zurückdenken...

Violeta Urmana erfüllt Nietzsches Mahnung mit Wärme und mischt leichte Melancholie ein, denn »alle Lust will Ewigkeit«. Aber das liest man in Zeiten wie diesen ja doch mit einer gewissen Skepsis. Gleichwohl heilender Ohren-Balsam vom unbeirrbaren »Bim-Bam« des Kinderchors der Festspiele. Und fast an solistischen Liedgesang erinnernd der rhetorisch feingezeichnete Engelsgesang der Frauengruppe vom Chor der Bayerischen Rundfunks.

Und das Adagio am Ende! Was kapellmeisterliche Tugend auf der einen Seite, der Sinn für die große Linie auf der anderen ist, das hat Andris Nelsons mit betörender Ruhe vorgezeigt. Die Wiener Philharmoniker sind da über sich selbst hinaus gewachsen und haben gar erstaunliche Kraftreserven mobilisiert. Reinhard Kriechbaum

Mehr aus Kultur aus der Region