Berauschend farbige Musik

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Unser Foto zeigt das Diogenes Quartett mit (von links) Stefan und Gundula Kirpal, Violinen, Alba Gonzales i Becerra, Viola, und Stephen Ristau, Violoncello. (Foto: Giesen)

ARTS-Akzente-Konzert mit dem renommierten Diogenes Quartett in der Klosterkirche


Eigentlich war das ARTS-Akzente Konzert für Ende Juli dieses Jahres und als Beitrag zur Bayerischen Landesausstellung »Götterdämmerung 2 – die letzten Monarchen« gedacht, die ursprünglich auf der Herreninsel hätte stattfinden sollen. Aus bekannten Gründen kam alles anders und das Konzert konnte nun erst Ende Oktober im Kulturforum Klosterkirche in Traunstein stattfinden.

Wie der Vorsitzende von ARTS, Patrick Pföß, zu Beginn informierte, habe er das Programm noch mit der für viele völlig unerwartet verstorbenen Imke von Keisenberg organisiert. Im Gegensatz zur schlicht schwarzen Bühne ohne Blumenschmuck, auch die Musiker klassisch schwarz gekleidet, stand die schon bei den allerersten Klängen berauschend farbige Musik mit abwechslungsreichem Programm.

Schon beim ersten Stück, dem Streichquartett C-Dur von Joseph Haydn (1732 bis 1809), dem berühmten »Kaiserquartett«, opus 76/3, zogen die weltbekannten Musiker alle Register ihrer Kunst mit herrlich weich und warm modulierten Tönen, federleichten Läufen im Allegro (C), das eigentlich ein Moderato ist und fast ganz aus dem Thema der ersten vier Takte entwickelt wird.

»Kaiserquartett« wird es genannt, weil der Komponist es nach seinem Variationensatz über Haydns Kaiserhymne entwickelt hat. Es gehört zu den sechs Streichquartetten, die er mit 65 Jahren schrieb und dem Grafen Erdödy widmete. Der zweite Satz, Poco Adagio, Cantabile – Variationen I-IV, enthält vier Variationen über das von Haydn vorher komponierte Volkslied »Gott erhalte Franz, den Kaiser« – die Melodie des Deutschlandliedes. Etwa 40 Jahre nach Haydns Erfindung der Melodie dichtete August Heinrich Hoffmann sein »Lied der Deutschen«, von dem die dritte Strophe noch heute als Nationalhymne der Bundesrepublik gilt: Haydns berühmteste und beliebteste Melodie, die fast jeder mitträllern könnte. Nach dem tänzerischen Menuetto des dritten Satzes folgte ein jagendes Finale: presto, das die Zuhörer zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Erwin Schulhoff einer der radikalsten Musiker

Schwerer, musikalisch weit anspruchsvoller ging es mit den fünf Stücken für Streichquartett von dem Deutschböhmen Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) weiter, der weitgehend in Vergessenheit geraten ist, obwohl seine Musik eine bedeutende Rolle in der Musikgeschichte spielte. Er gehörte zu den radikalsten und experimentierfreudigsten Musikern des 20. Jahrhunderts. Wegen seiner Hochbegabung konnte der Komponist jüdischer Abstammung schon mit 10 Jahren am Prager Konservatorium Klavier und Komposition studieren. Den Ersten Weltkrieg überstand er als Angehöriger des österreichischen Heeres und setzte sich danach in Prag als Konzertveranstalter und Pianist rückhaltlos für die Wiener Schule ein und interessierte sich für alle radikalen Strömungen der Avantgarde wie Dadaismus und Jazz. 1932 vertonte er als opus 82 das »Manifest der kommunistischen Partei«, so dass nach Machtergreifung durch die Nazis seine »entartete Musik« verboten wurde. 1941 wurde er auf die Wülzburg im bayerischen Weißenburg deportiert, wo er 15 Monate später an Tuberkulose starb.

Die im Konzert gespielten, vom Neoklassizismus beeinflussten Fünf Stücke für Streicher, Werkverzeichnis 68, komponierte Schulhoff 1923. Es ist ein weiterer Verdienst der Kulturfördervereinigung ARTS, dass sie seit ihrem Bestehen dem Publikum immer wieder auch unbekanntere, bedeutende Musikerpersönlichkeiten vorstellt.

Nach der Pause spielte das Diogenes Quartett das Streichquartett Nr. 5 in A-Dur, opus 83, von Friedrich Gernsheim (1839 bis 1916). Der Komponist mit jüdischen Wurzeln war eng mit Brahms befreundet. Das Streichquartett, wahrscheinlich im Jahr 1911 in Berlin komponiert, gehört mit seinen traditionell vier Sätzen der spätromantischen Musik an. Auch hier bestachen die Streicher durch ihr virtuoses, stets zart modulierendes bis temperamentvoll mitreißendes Spiel und ihre anscheinend vollkommene Harmonie untereinander.

Zum beschwingten Ausklang gab es als Zugabe den langsamen Satz des Lerchenquartetts von Joseph Haydn. Christiane Giesen

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