Beethoven goes Jazz - Welturaufführung im Salzburger Festspielhaus

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Viel Applaus gab es (von links) für Alina Adamski, Sopran, Franziska Elkins, Alt, Peter Sonn, Tenor und Alexander Grassauer, Bass, sowie Dirigentin Elisabeth Fuchs mit der Philharmonie Salzburg. (Foto: Janoschka)

Dass die Chefdirigentin der Philharmonie Salzburg, Elisabeth Fuchs, mit Musik Grenzen sprengen will, ist bekannt – aber dafür braucht sie Mitstreiter.

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In dem bekannten Jazz-Pianisten Chris Gall aus München hat sie jemanden gefunden, der professionell, empathisch und virtuos zusammen mit dem Orchester das erste Klavierkonzert in C-Dur, op. 15 von Ludwig van Beethoven (1770-1827) in seiner eigenen Jazz-Version interpretierte und mit diesem Experiment – einer wahren Welturaufführung im coronamäßig dünn besetzten Festspielhaus – Jubelstürme im Publikum hervorgerufen hat.

»Würde Beethoven heute leben, würde er Jazz komponieren,« ist Dirigentin Elisabeth Fuchs überzeugt. Und dieses Klavierkonzert eignet sich besonders dazu, da der Komponist für die Uraufführung im Wiener Burgtheater im April 1800 über große Strecken improvisierte und dies erst zur Drucklegung schriftlich niederlegte. Chris Gall griff bei seiner Improvisation nicht oft grundlegend in das Tonmaterial Beethovens ein, sondern nutzte die Möglichkeit von Synkopierungen oder leichten rhythmischen Veränderungen der Melodietöne in der Phrasierung, um ein jazziges Feeling zu implizieren. Gefühlvoll setzte er einen jazzigen Impuls an den Stellen, wo es keine Disharmonien mit dem Orchester geben konnte. Denn »die Musik ist so großartig, dass man sich schon fragen kann, was man daran überhaupt ändern soll«, befand Gall im Programmheft.

Jedenfalls gelang es ihm vorzüglich, diesem »klassischen Stück einen neuen Mantel anzuziehen und ihm für einen kurzen Moment einen neuen Look zu verpassen«, und doch immer wieder überzeugend und überzeugt zum Original zurückzukehren – in einem sanften Übergang, besonders auch nach den Improvisationen in den Solokadenzen des Klaviers, denen die Dirigentin fast andächtig lauschte.

Wie in einem Austesten der Möglichkeiten ließ Chris Gall hier Original-Melodiefetzen aufscheinen, um diese sofort wieder umzugestalten und mit anderen Klängen und Rhythmen zu ummanteln. Eine wunderbare Lehrstunde in Jazz-Improvisation für das Publikum – und welche Freude und Begeisterung bei der Wiederaufnahme des Originals durch das Orchester, etwa in der Reprise beim Allegro con brio im ersten Satz! Im Largo beschwor Gall improvisatorisch eine intime Bar-Atmosphäre, während er im Allegro scherzando, nachdem das Rondothema vorgestellt wurde, dieses in seiner Jazz-Version allmählich neu entwickelte, bis es glasklar und virtuos zuerst im Klavier und dann im Orchester im Original erklang.

Chor online vorbereitet

Grenzen sprengte Elisabeth Fuchs aber auch mit dem zweiten Programmpunkt, Beethovens neunter Sinfonie in d-Moll, op. 125 mit den Sätzen Allegro ma non troppo – un poco maestoso, Molto vivace – Presto, Adagio molto e cantabile – Andante moderato und Finale, Presto – Allegro vivace, denn der Chor mit über 120 Sängerinnen und Sängern wurde in großen Teilen von Elisabeth Fuchs online auf das Konzert vorbereitet. Um es vorweg zu nehmen: Es war eine großartige Aufführung in einem Zusammenwirken aller Beteiligten mit Glanzpunkten durch die Solisten Alina Adamski, Sopran, Franziska Elkins, Alt, Peter Sonn, Tenor und Alexander Grassauer, Bass, denen gemeinsam mit der Philharmonie unter ihrer Chefdirigentin stehende Ovationen zuteil wurden.

Dass in dieser Sinfonie Vielschichtiges, ja Gegensätzliches oft kontrastreich erklingt, bestätigt der Bass im vierten Satz mit seinem Rezitativ: »O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen.« Da war einerseits das Gute und Edle, der Weg vom Dunkel ins Licht, der in der Hoffnung auf Brüderlichkeit aller Menschen gipfelt. Doch andererseits nicht zu überhören waren auch die musikalischen Gedanken Beethovens als Denker und Zweifler: Das Hinterfragen einer möglichen Erlösung durch den »Kampf« zwischen d-Moll und D-Dur im ersten Satz, oder die Schreckensfanfare des vierten Satzes, die die Idylle im dritten Satz abrupt beendet. Dies kommt beim aufmerksamen Zuhörer als ein Wechselbad zwischen leidenschaftlicher Hoffnung und ihrer Gefährdung an, was durch ironische Übertreibung, etwa ein »Zuviel« an Marschmusik im Finale im Gegensatz zur ernsten Fugenthematik an anderen Stellen musikalisch dargestellt wird.

In dieser Musik jedoch erfüllte Beethoven schließlich den Wunsch der Menschheit, zu Brüdern und Schwestern zu werden, wenn auch nach vielem Auf und Ab. Der Funke der Begeisterung aller Musizierenden unter der Leitung von Chefdirigentin Elisabeth Fuchs sprang auf die Besucher im Festspielhaus über und hinterließ zudem große Freude über das Neuerwachen der Kultur.

Brigitte Janoschka

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