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Aus der Rinde der Natalfeige

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Bilder wie »The Promised Land« (Das Gelobte Land), Öl auf Lubugo Rindentuch, von Michael Armitage sind im Haus der Kunst in München zu sehen. (Foto: Gärtner)

Wie viele Bäume sind es wohl, die für Michael Armitage staunenerregende Malereien ihre Haut hergaben, auf die er seine Geschichten pinselt? Der 36-Jährige malt auf Lubugo. Das afrikanische Volk der Baganda gewinnt Lubugo aus der inneren Rinde der Natalfeige, einer Frucht, die hier keiner, in Uganda jeder kennt – und schätzt. Denn Lubugo ist kostbar – und heilig. Es dient als Grabtuch und für wichtige Zeremonien. Die Baganda schälen die Bäume. Als fühlten sie sich deshalb schuldig, umwickeln sie diese mit Bananenblatt-Bandagen. Man räuchert die Rinde und klopft sie so lange aus, bis sie zu einer Art Tuch wird, auf der Meister Armitage seine Farbfantasien ausbreitet.

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Wer Glück hat, kriegt in der Ausstellung »Paradise Edict« (»Edict«: Erlass, Verordnung) einen Sitzplatz vor der Video-Station, die eine Dokumentation zeigt, wie Lubugo gewonnen wird. Marsya, der in der griechischen Mythologie gehäutet wurde, weil er eine Wette mit Apoll verloren hatte, taucht vor Armitages Augen beim Zuschauen der Gewinnungs-Praktiken von Lubugo jedes Mal auf. Die Figur des Marsyas habe er, so meint man auf Anhieb, auf ein Gemälde gebannt: hager, ausgezehrt, eine ins Violett spielende Totengestalt. Doch es ist Midas, der sich selbst »enthäutet«, weil er so goldgierig war. Dieses Bild ist, auch wenn ihm eine ganze Wand geschenkt ist und man direkt darauf zuläuft, nicht Armitages »aufregendste« schwarzhäutige Figur. Sein durchweg schwarzafrikanisches Panoptikum speist sich aus Mythen und europäischen »Metaphern«, abgeschaut bei Tizian und Rembrandt, mit denen Armitage die Vorliebe teilt, sich für das entrechtete Naturwesen einzusetzen. Doch der Kenianer zitiert mehr die klassisch-europäische Kunst, als dass er sie wiederholt.

Seine Naturwesen: vorwiegend Affen. Äffchen tauchen in dem großen Tafelbild »Pathos und das Zwielicht des Müßiggangs« (2019) auf, das dem »Midas«-Bild gegenüber ziemlich weit entfernt hängt. Zwei Äffchen genießen aus sicherer Höhe das Party-Chaos bei einer Demo. Ein Affe sitzt stolz auf dem monumentalen Bild »The Promised Land« (2019). Subtil ist das nicht.

Armitage greift in jedem seiner Bildwerke ins Volle. Sie seien in den meisten Fällen, wie kritisiert wurde, »zu vielschichtig, zu oft übermalt, zu eindringlich«. Jedoch gerade diese Vielschichtigkeit, dieses Korrektive, diese Energetik – all das zusammen ist das, was die Schau so einmalig macht.

»Der Hühnerdieb« von 2019 prägt sich ein und lässt den Betrachter Partei ergreifen für die Afrikaner der Unterschicht. Ein älterer Schwarzer, verfolgt von einem unbestimmten, teuflischen Wesen, rennt sturen Blicks durch die Lache eines Öl-Blut-Gemischs: Farbe ist Bewegung, Rasanz, höchste Eile.

Wer soll wissen, wenn der Maler es nicht erklärt, ob sein »Hühnerdieb« vor einer Bestrafung davonrennt oder das gezauste Federvieh zu bergen sucht?

Bei Michael Armitages Bildern könnte der Betrachter stundenlang verweilen. Dabei verschenkte der Besucher allerdings die beste Chance, sich mit einem Dutzend zeitgenössischer Maler Ostafrikas bekannt zu machen: Meek Gichugu oder Jak Katarikawe (beide wie Armitage in Nairobi geboren). Die vielen Werke, die gezeigt werden, wären eine eigene Schau wert.

Die Ausstellung ist bis zum 14. Februar im Haus der Kunst in München, das bis voraussichtlich 30. November geschlossen bleibt, zu sehen. Von der Ausstellung gibt es bis dahin aber auch einen virtuellen Eindruck: Das Haus der Kunst bietet auf seiner Internetseite sowohl ein Video-Interview mit dem Künstler als auch einen Audiorundgang mit den entsprechenden Ausstellungs- und Werkansichten.

Hans Gärtner

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