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»Alles ist Leben«

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Schauspielerin Bettina Mittendorfer und Musiker Florian Burgmayr gestalteten die Matinee im Rahmen der Steiner Literaturwoche. (Foto: Mix)

Bettina Mittendorfer und Florian Burgmayr haben die Matinee der Steiner Literatur- und Medienwoche im schönen Ambiente des alten Steiner Schlosses gestaltet. Die Schauspielerin erzählte die Biografie der tschechischen Journalistin Milena Jesenská und las einige sehr aufschlussreiche Texte von ihr vor. Florian Burgmayr untermalte die Lesung mit einfühlsamer Musik.


Die Autorin Milena Jesenská, geboren 1896 in Prag, fiel schon als junges Mädchen im Prag ihrer Zeit auf, sie war immer auf der Suche nach Abenteuern, wollte brüskieren, auf Missstände aufmerksam machen. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen, verfasste in ihrem Leben zahlreiche Feuilletons, Reportagen und schrieb Briefe, die erhalten blieben, nachdem sie 1944 an den Folgen einer Nierenerkrankung im Alter von 47 Jahren im Konzentrationslager Ravensbrück verstorben war.

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Die Texte und Briefe, die Bettina Mittendorfer sehr einfühlsam vorlas, gaben Einblick in die Gedankenwelt der Autorin, die zum engen Freundeskreis von Franz Kafka gehörte. Fasziniert und mucksmäuschenstill lauschten die Zuhörer der Matinee und wurden dabei so manches Mal an eigene Erfahrungen erinnert. Die von Bettina Mittendorfer ausgewählten Texte befassten sich mit den grauen Hinterhöfen in der Stadt, mit den Erfahrungen in der Jugend, die einen fürs ganze restliche Leben prägen, mit der besten Freundin der Autorin, ihrer »Hausbesorgerin«, mit der Schwierigkeit, über längere Zeit eine glückliche Ehe zu führen.

Die Tschechin wusste nach zwei gescheiterten Ehen, von was sie spricht. Für Milena Jesenská funktionieren viele Ehen deshalb nicht, weil am Anfang zu große Versprechungen gemacht wurden, die nicht einzuhalten sind. Man solle vielmehr kleine Versprechen abgeben, die man auch halten kann, wie beispielsweise, »jeden Tag gewaschen und sauber gekämmt am Frühstückstisch zu erscheinen«. Grundsätzlich war sie der Meinung, dass man die Ehe auf eine breitere Basis stellen müsse als nur auf die Sehnsucht nach Glück, denn »das Glück hängt einzig und allein von einem selber ab«.

Sehr berührend und persönlich waren die Briefe, die sie an Kafka geschrieben hat und später auch aus dem Konzentrationslager an ihre Tochter Jana. Da sich Milena Jesenská dem Widerstand anschloss, Juden zur Flucht verhalf und für eine illegale Zeitung schrieb, wurde ihr 1939 der Prozess gemacht. Zwar wurde sie freigesprochen, aber zwecks »Umerziehung« ins KZ Ravensbrück deportiert.

Aus ihrer Zeit im KZ sind Briefe erhalten, in denen sie ihre ganz persönlichen Gedanken zum Ausdruck bringt: »Das Leben ist eine einzige große Enttäuschung, ein ewiges Sitzen im Wartesaal und hoffen, dass endlich das Leben beginnt.« Sie fordert daher auf: »Sei jetzt gegenwärtig und fähig, nur diese eine Stunde jetzt und hier zu sehen und auszukosten. Ganz einfach: sei!« Pia Mix

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