Abschied ohne Lebewohl

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Künstlerpersönlichkeiten, die dem scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler zu Ehren am Ende der Münchner Opernfestspiele aufgetreten sind. Nur drei fehlten. (Foto: Gärtner)

Wotans Abschied war nicht. Fand nicht statt. War aber fix eingeplant. Der hierfür vorgesehene Sänger Bryn Terfel war erkrankt. Es gab keinen Ersatz für »Wotans Abschied« aus der »Walküre«. Dabei wäre genau dies der richtige große Moment gewesen: »Leb wohl, du schönes, herrliches Kind …!«

Das schöne, herrliche Kind war für den nun abtretenden Staatsintendanten Nikolaus Bachler 13 Jahre lang die Bayerische Staatsoper. 150 Premieren. 7350 Vorstellungen. Wagner war da auch dabei. Nicht genug für manche, aber doch – allein mit dem Kriegenburg- »Ring« – Zufriedenstellendes. Für den letzten Opernfestspiel-Abend (vor dem allerletzten mit dem neuen »Tristan«) hat sich der für immer scheidende Chef eine als »Oper für alle« auf den Marstallplatz übertragene Revue nach seinem Lieblings-Lyriker Rilke erdacht, der mahnte: »Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, / drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt; / jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, / liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.« Nicht die Sonette an Orpheus, sondern Gedichte Ingeborg Bachmanns rezitierte der ehemalige Schauspieler Klaus Bachler, der sich für München Nikolaus nannte. Harte Jahre prophezeite seine Dichterin, und sollte schon bald, nicht erst mit Corona, Recht kriegen. An die Zukunft dachte man aber an dem Sonderkonzert-Abend »Der wendende Punkt« nicht. Es waren zu viele große Stimmen für gute drei Stunden währende, ausgewählte, große Momente aus von Bachler verantworteten Opern gegenwärtig. Von Pavol Breslik bis Georg Zappenfeld sangen in der famosen szenischen Einrichtung von Andreas Weirich 17 Künstler und Künstlerinnen ausgewählte Highlights unter den vier Dirigenten Ivor Bolton, Asher Fisch, Kent Nagano und Kirill Petrenko.

Letzterer, ebenfalls das Haus, das er seit 2013 als Generalmusikdirektor leitete, verlassende Maestro stach mit vier exzellenten Arien-Dirigaten dem, der das Glück hatte, ihnen beizuwohnen, ins Herz: bei Wolfgang Kochs Hans-Sachs-Monolog, Marlies Petersens Jochanaan-Begeisterung, Jonas Kaufmanns Schlussgesang des Paul aus »Die tote Stadt« und bei Adrianne Pieczonkas »Zeit«-Meditation aus dem »Rosenkavalier«. Stärksten Eindruck machte – bei aller Hochachtung der Auftritte von Anne Schwanewilms, Diana Damrau, Anne Sophie von Otter, Günther Groissböck, Alex Esposito, Anja Kampe, Ermonela Jaho, Elina Garanca und Nina Stemme aber wieder einmal Christian Gerhaher.

Was machte es aus, dass die wegen erschwerter Reisebedingungen fern gebliebene Anna Netrebko ebenso fehlte wie Anja Harteros, die am nächsten Tag die Isolde zu singen hatte? Mit Simon Keenlysides Lied des Wolfram aus dem »Tannhäuser« konnte man höchst zufrieden sein, nachdem man ihn tags zuvor schon als Macbeth bewundert hatte.

Dieses einzigartige, umjubelte Abschieds-Konzert hat Ohr und Auge gleichermaßen verwöhnt. Wie das so ist bei Abschieden von Vielgeliebten und Vielverehrten, verließ man es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Hans Gärtner

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