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Zwischen Trauma und Traumjob

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Für heimische Schüler oft selbstverständlich: Der Besitz eines eigenen Taschenrechners. In der Klasse zur Berufsintegration an der Berufsschule I in Traunstein werden kleine Geschenke, wie hier die gesponserten Rechner, zu einem großen, freudigen Ereignis.

Traunstein. »Ich will Deutsch lernen, Freunde finden, einen Beruf lernen und gerne hier bleiben«, hat Mohammed K. (Name geändert) auf eine Karte geschrieben. Der 20-jährige Afghane, der seit rund zwei Jahre in Deutschland lebt, ist einer von 17 jungen Flüchtlingen im Berufsintegrationsjahr.


Diese mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderte Klasse wurde vor zehn Monaten auf Initiative des Kultusministeriums mit dem vorrangigen Ziel geschaffen, jungen berufsschulpflichtigen Asylbewerbern und Flüchtlingen das Lernen der deutschen Sprache zu ermöglichen.

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Im Landkreis Traunstein werden die Schüler an der Staatlichen Berufsschule I in den Fächern Deutsch als Zweitsprache, Mathematik, Sozialkunde und Ethik unterrichtet. In der Fachpraxis werden Grundlagen der Gastronomie vermittelt.

Klassenleiter Hubert Gstettner erläutert, dass sich die Inhalte im Berufsintegrationsjahr deutlich von denen herkömmlicher, berufsvorbereitender Klassen unterscheiden. Oft leiden die Schüler an Schlaflosigkeit oder haben Heimweh. Viele leiden unter Folterschäden oder Depressionen und müssen Medikamente nehmen. Die schwierigen Verhältnisse in den Herkunftsländern sowie die oft traumatisierende Flucht, bei der mehrere tausend Kilometer zurückgelegt wurden, wirken sich oft auf das Leistungsvermögen der Schüler aus.

Im Unterricht steht darum nicht nur die Stoffvermittlung an erster Stelle. Gefragt ist vielmehr Geduld und ein sensibler Umgang mit den Menschen. Die Mühe lohnt sich. »Die Schüler sind sehr dankbar, hochmotiviert, höflich und ausgesprochen fleißig. Alles was sie brauchen ist eine Perspektive für ihr weiteres Leben«, betont Gstettner.

In ihren Herkunftsländern gibt es so etwas wie Ausbildungsberufe nicht. Integrationsfördernder und berufsvorbereitender Unterricht ist dabei ein wichtiger Schritt. Oft müssen überzogene Berufswünsche an die Realität angepasst werden, ohne dabei zu demotivieren. Aufgrund seiner Interessen kann Mohammed K. sich vorstellen, in einem pflegerischen Beruf zu arbeiten, er hat bereits ein Praktikum in einem Seniorenwohnheim absolviert.

Problematisch sind die unklaren Zukunftsaussichten der Schüler. Noch nicht anerkannte Flüchtlinge müssen ständig damit rechnen, dass ihr Antrag abgelehnt wird und sie abgeschoben werden. Deshalb benötigen die Schüler auch eine umfassende Betreuung. »Ohne der guten Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Unterstützern, den Betreuerinnen der Diakonie Traunstein, der Volkshochschule und dem Landratsamt wäre dieses Projekt bei Weitem nicht so erfolgreich«, erklärt der schulische Koordinator Oliver Brus und ergänzt: »Aber auch das Engagement der Lehrkräfte geht über das normale Maß hinaus!«

Von der Regierung von Oberbayern wurde mittlerweile eine Ausweitung des Schulangebots genehmigt. Als Folge wird das Berufsintegrationsjahr um ein zweites Jahr verlängert. Die bisherige Klasse kann fortgeführt werden und zugleich werden zwei neue »Vorbereitungsklassen« für bis zu 32 berufsschulpflichtige Flüchtlinge eingerichtet.